Moderne Antidepressiva

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Inhaltsverzeichnis

Kurzbeschreibung

Die erste Generation dieser Medikamente tauchte Mitte der 80er Jahre in den USA auf. Der bekannteste Vertreter ist Prozac (Fluoxetin). Die Klasse, der Prozac angehört, heißt Selektive Serotonin Wiederaufnahmehemmer (Selective Serotonin Reuptake Inhibitors - kurz SSRI). Sie waren eine "Weiterentwicklung" der bis zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich verwendeten trizyklischen Antidepressiva. Die SSRI sollten angeblich weniger Nebenwirkungen haben und besser wirken, weil sie nur den Serotoninspiegel im Gehirn beeinflussen - die Trizyklika wirken auch noch auf andere Neurotransmittersysteme. Mittlerweile hat sich aber herausgestellt, dass die SSRI nicht weniger oder weniger schwere Nebenwirkungen haben, sondern nur andersartige Nebenwirkungen.

Übersicht der Wirkstoffe

Einige der Handelsnamen sind in Klammern angegeben.

SSRI - Selektive Serotonin Wiederaufnahmehemmer (engl. Selective Serotonin Reuptake Inhibitors)

  • Fluoxetin (Prozac, Fluctin, Fluctine, Fluocim, Fluox-Basan, Fluoxetin-Helvepharm, Fluoxetin-Mepha, Flusol)
  • Fluvoxamin (Fevarin, Luvox, Flox-ex, Floxyfral)
  • Paroxetin (Seroxat, Deroxat, Tagonis, Paxil)
  • Sertralin (Zoloft, Gladem, Lustral, Tresleen)
  • Citalopram (Cipramil, Celexa, Citalopram ecosol, Seropram)
  • Escitalopram (Cipralex)

SNRI - Selektive Noradrenalin Wiederaufnahmehemmer (Selective Noradrenaline Reuptake Inhibitors)

  • Venlafaxin (Trevilor, Effexor, Efexor, Efectin) - ist bis 150mg/Tag ein SSRI und erst über 150mg/Tag zusätzlich ein Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer
  • Duloxetin (Cymbalta, Yentreve)
  • Milnacipran (Ixel)

NaSSA - Noradrenalin-Serotonin-selektive Antidepressiva


NARI - Noradrenalin Wiederaufnahmehemmer (Noradrenaline Reuptake Inhibitors)

Gefährliche Nebenwirkungen – zweifelhafter Nutzen

Das Risiko/Nutzen-Verhältnis moderner und auch der älteren Antidepressiva wird gegen den massiven Widerstand der Pharmalobby mehr und mehr in Zweifel gezogen. Zu den praktizierenden Ärzten dringen diese Erkenntnisse leider stark verspätet oder gar nicht durch, da viele ihre Informationen überweigend aus den sehr einseitigen Werbematerialien der Hersteller beziehen (siehe auch: [Schlechte Qualität medizinischer Infos für Ärzte]). Das Arznei-Telegramm (ein sehr renommiertes und vor allem unabhängiges, nicht über Werbung der Pharmaindustrie, sondern über Abonnenten finanziertes Fachjournal) hat in den letzten Monaten einige Artikel veröffentlicht, welche einige der seit Jahren vom ADFD vertretenen Ansichten von wissenschaftlicher Seite her bestätigt. Der Artikel "Gefährliche Placebos" [1] [2] [3] beschäftigt sich mit dem fragwürdigen Nutzen der Antidepressiva und mit dem durch sie ausgelösten erhöhten Selbstmordrisiko (siehe auch [Antidepressiva - lebensgefährliche Plazebos?|Phils Kommentare] dazu). Diese generellen Zweifel weiten sich nach und nach auch auf die älteren "bewährten" Antidepressiva aus. Auch die Experten lenken langsam ein: Der Vorstandsvorsitzende der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft Prof. Bruno Müller-Oerlinghauesen hat sich in einem Leserbrief ([1 - unten rechts] [2]) an das Arznei-Telegramm den wachsenden Bedenken gegenüber Antidepressiva im Allgemeinen angeschlossen:

[Zitat] a-t 2005; 36: 72f.  

DISKUSSION UM ANTIDEPRESSIVA Ihr Artikel über die sehr geringe, wenn man genauer hinschaut (wie es z.B. die FDA getan hat) gegen Null gehende Wirksamkeit von Antidepressiva und insbesondere auch von SSRI als gemitteltes Ergebnis aller Studien (a-t 2005; 36: 45 > 6) hat sicher viele Leser des a-t schockiert. Dennoch entspricht er einer sich auf Daten und auch ärztliche Erfahrungen stützenden, in jüngster Zeit vernehmlicher gewordenen Argumentation und auch meiner eigenen diesbezüglich zunehmend kritischer gewordenen Position, mit der ich freilich bei den meisten psychiatrischen Fachkollegen auf bares Unverständnis stoße. Es wird dann allemal das Argument hervorgezogen, dass, wenn man solche Ansichten publik mache, die mühsam erreichte geschärfte Wahrnehmung der Diagnose Depression und die Realisierung des Wissens um ihre grundsätzliche Behandelbarkeit antagonisiert würden, und man wieder ansteigende Suizidziffern zu erwarten habe... Ich möchte nicht ausschließen, dass wir in der Zukunft eine Reevaluation des tatsächlichen Stellenwertes von Antidepressiva bei differenzierten Zielpopulationen bekommen werden, wie wir sie jetzt bei dem Thema "Hormone in den Wechseljahren” erleben. Prof. B. Müller-Oerlinghausen Arzt für Klinische Pharmakologie, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft D-10623 Berlin Interessenkonflikt: keiner

Absetzsymptome, Absetzsyndrom, Entzugserscheinungen – Abhängigkeitspotential?

Wenn moderne Antidepressiva abgesetzt werden, kann dies zu schweren und langwierigen Entzugssymptomen führen. Von Seiten der Pharmaindustrie wurden dafür beschönigende Begriffe wie"Absetzsymptom" oder "Absetzsyndrom" eingeführt. Die Hersteller versuchen immer noch hartnäckig das Abhängigkeitspotential moderner Antidepressiva zu leugnen indem sie die Definitionen für Abhängigkeit ändern (Zuletzt geschehen bei der Revision des DSM von Version III auf IV- welches inhaltlich schwer von der Pharmaindustrie beeinflusst wird). Zur Problematik der Definition von Abhängigkeit in Bezug auf moderne Antidepressiva siehe auch: Zum Thema SSRI und Abhängigkeit und WHO: Abhängigkeit von SSRI.

Aus diesen Gründen sollten Antidepressiva auf keinem Fall abrupt abgesetzt werden, es sei denn, dass Risiko sie weiter einzunehmen wäre noch höher einzuschätzen.

Auch beim langsamen Ausschleichen (wie in unserem Infopaket zum Absetzen von Antidepressiva beschrieben) kann es noch zu Entzugserscheinungen kommen - diese können aber in den meisten Fällen durch eine Verlangsamung des Absetzens und der Verringerung der Abdosierungsschritte weitgehend erträglich gestaltet werden. In dieser für viele sicher nicht leichten Zeit kann unser Forum hoffentlich zumindest Trost und Hoffnung vermitteln, wenn wir auch keine Patentrezepte gegen die Entzugserscheinungen anbieten können.

Ausblick: Noch "modernere" Antidepressiva

Die neueren Entwicklungen auf dem Gebiet der Antidepressiva, greifen wieder in mehrere Neurotransmittersysteme ein (hauptsächlich zusätzlich in das Noradrenalin-System). Die Vor- und Nachteile dieser Medikamente werden wohl erst wieder innerhalb der nächsten Jahre bekannt werden. Es weist aber bereits einiges darauf hin, dass auch mit diesen Medikamenten ähnliche Probleme wie mit den SSRI bestehen.

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