Oliver

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Oliver

geschrieben im Herbst 2003


Vor Paroxetin

Nachdem ich vor einigen Jahren anfing, von Arzt zu Arzt zu wandeln, weil ich nach einer körperlichen Ursache meines desaströsen Zustands suchte, bin ich vor zwei Jahren mit der Diagnose "depressive Episoden" beglückt worden. Ich begann eine Gesprächstherapie die auch Ergebnisse brachte. Es ging allerdings nur langsam voran (soll heißen: Ich war auch weiterhin unfähig ein produktives Leben zu führen und tauchte auch immer wieder regelmäßig für mehrere Wochen/Monate in mein kleines, gemütliches schwarzes Loch ab). Da ich anfing einen gewissen Rhythmus in meinen depressiven Schüben zu erkennen (was auf "biochemische Ursachen" hinweisen soll) und eigentlich nur gutes von den modernen Antidepressiva gehört und gelesen hatte, beschloss ich den Versuch zu wagen, ob ich mit Hilfe von Antidepressiva wenigstens mal wieder ein oder zwei Jahre sowas wie Kontinuität in meinem Leben erfahren könnte. Mein Neurologe fand die Idee klasse und ich bekam ein SSRI verschrieben. Ich informierte mich ein wenig im deutschsprachigen Internet über das Medikament (Paroxetin) und las jede Menge positive Erfahrungsberichte; der Tenor dieser Berichte lautete ungefähr: die ersten paar Wochen waren nicht so toll, aber dann war es als hätte man mir mein Leben zurückgegeben... Nun das war genau das was ich wollte, ich wollte mein Leben wiederhaben, oder wenigstens irgendein Leben ... also begann ich von da an meine Tage zuversichtlich mit einem ausgewogenen Frühstück bestehend aus einer Tasse Kaffe und 20mg Paroxetinhydrochlorid.

Auf Paroxetin

Ich merkte erstmal nix, aber das muß ja so sein. Nach etwa einer Woche stand ich morgens vor dem Spiegel und betrachtete mein Gesicht. Normalerweise verhält sich mein Gesicht im Spiegel recht zivilisiert, es sieht zwar vor allem morgens nicht unbedingt klasse aus, aber es bleibt wenigstens an seinem angestammten Platz. An diesem Morgen tat es das nicht. Es veränderte sich ... mutierte, und ich schaute mir das eine Weile leicht beunruhigt an (wer schon mal LSD genommen oder Terminator 2 gesehen hat, weiß wie das aussieht). Nun, im Beipackzettel stand nichts von Halluzinationen ... aber was solls die ersten paar Wochen sind halt nicht so toll.

Ich stellte dann ein nicht zu überhörendes Pfeiffen in meinen Ohren fest (Tinnitus) - das stand wenigstens im Beipackzettel also kein Problem.

Dann merkte ich, daß ich zwar noch erregbar war, aber es mir absolut unmöglich war zum Orgasmus zu gelangen - steht auch im Beipackzettel, also was solls? Dann stellte ich immer öfter fest, daß meine Gliedmaßen - vornehmlich die Beine - sich selbständig machten wenn ich nicht auf sie aufpasste. Z.B. fingen meine Beine an auf der Stelle zu rennen, wenn ich saß und etwas las. Wenn ich darauf aufmerksam wurde konnte ich die Bewegung stoppen bis sie dann bei der nächsten Ablenkung wieder einsetzte (Es war also kein Muskelzittern, sondern eine aktive Bewegung, welche aber nicht von "meinem bewussten Selbst" veranlasst wurde .... puh). Ich wachte auch ein paar mal nachts auf, um festzustellen daß meine Arme und Beine ein kleines Trommelkonzert in meiner Abwesenheit veranstaltet hatten bis ich davon wach wurde ...

Nun, das war eine Menge merkwürdiges Zeug was da mit mir passierte aber ich war bereit das eine Weile oder sogar für die gesamte Zeit der Einnahme des Medikaments in Kauf zu nehmen, wenn es mir nur (m)ein Leben wiedergeben würde.

Mein Neurologe wollte dann von mir wissen, wie ich mit dem Medikament klarkomme und ich zählte ihm meine Nebenwirkungen auf, wies aber darauf hin, daß ich sie für akzeptabel hielte und vielleicht würden sie ja auch noch verschwinden. Mein Neurologe hielt sie nicht für akzeptabel - dafür bin ich ihm sehr dankbar - er wollte mich auf ein anderes SSRI umstellen, um zu sehen ob ich das besser vertragen würde. Er machte mir ein paar Vorschläge und sagte, daß es ein Glücksspiel sei welches ich vertrage also durfte ich mir eins aussuchen. Ich entschied mich für Zoloft. Auf meine Frage ob es bei der Umstellung oder dem Absetzen von Paroxetin Probleme geben könnte, erwiderte er: "Nicht bei der Dosis" (20mg - die empfohlen Dosis bei Depressionen).

Ich war nun doch etwas skeptisch geworden. Wie konnte es sein, daß ein so harmloses Medikament so extreme Nebenwirkungen haben konnte. Ich beschloss mich umfassend zu informieren bevor ich auf Zoloft wechselte. Ich las also vornehmlich über Zoloft und stellte fest, daß es zu ähnlich verwegenen Nebenwirkungen kommen kann und daß diese eher die Regel als die Ausnahme darstellen (vor allem sexuelle Störungen). Ich stieß auch zum ersten Mal auf die Behauptung, daß das Absetzen von SSRI in 30%-50% Prozent der Fälle zu moderaten und bei ca. 10% zu massiven Problemen führen kann, ausserdem gäbe es ein paar unglückliche Seelen die NIE davon loskommen - Uff.

Auf www.socialaudit.org.uk las ich dann "The Antidepressant Web" eine lange und sehr aufschlussreiche Abhandlung über Antidepressiva die ich sehr empfehlen kann. Dann stieß ich auf www.quitpaxil.org (Paxil ist der amerikanische Name von Paroxetin) und las schockiert von den Absetzerscheinungen (symptoms) und hunderte von Einträgen auf der "Meckerseite" (rants). Spätestens da war für mich klar, daß ich mein Heil lieber in lyrischem Ausdruckstanz oder Extremstricken suche als noch einen Tag länger SSRIs zu schlucken.

Paroxetin absetzen

Nun, mein Neurologe hatte mir ja versichert daß es beim Absetzen "bei der Dosis" kein Problem geben würde und ich hatte das Medikament ja auch nur knapp drei Wochen genommen, also nahm ich am nächsten Tag eine halbe Tablette und am Tag drauf gar nichts mehr. Am darauffolgenden Tag war ich nicht imstande das Bett zu verlassen. Ich dämmerte zwischen wachen und schlafen und wenn ich schlief hatte ich die seltsamsten Träume. Ich beschloss dann lieber wieder mit Paroxetin anzufangen und es langsam auszuschleichen. Langsam hieß bei der kurzen Einnahmezeit gottseidank nur noch etwa weitere zwei Wochen mit erst 10mg und dann 5mg. Mein größtes Problem in dieser kurzen Zeit war die Angst. Ich hatte festgestellt, daß ich ein Medikament nehme, daß mir mehr schadet als nutzt, konnte es aber nicht einfach absetzen, weil ich Angst hatte, daß ich mir damit noch mehr schade. Mein Arzt sah kein Problem, also war ich auf mich gestellt.

In den UK und U.S. Foren stieß ich dann auf mehr Verständnis. Vor allem dem "SSRI withdrawal support forum" und den dortigen Stammgästen bin ich sehr dankbar.

Nach Paroxetin

Ich nehme jetzt seit 3 Wochen kein Paroxetin mehr, und das langsame Ausschleichen verlief fast problemlos. Das wichtigste für mich war, daß ich wußte daß die Symptome vom Absetzen des Medikaments kamen und daß ich nicht allein war.

Für mich hatte diese kurze Phase mit den SSRI definitiv auch etwas positives:

Ich habe trotz der Nebenwirkungen gemerkt, daß SSRI "funktionieren", vor allem meine Angst vor Menschen ("Soziale Phobie" - die mich jetzt schon seit einigen Jahren begleitet) war durch das Paroxetin in der letzten Woche der Einnahme (bei 10mg) wie weggeblasen, so daß ich mich schon bei dem Gedanken erwischte es einfach auf 10mg zu belassen und weiterzunehmen ...

Doch der Punkt ist: Ich habe schon zu lange und zu viel mit bewußtseinsverändernden Drogen an meinem Gehirn herumgedoktort, und die SSRI sind nichts anderes. Der Preis ist zu hoch und die Langzeit-Risiken sind nicht abschätzbar.

Aber: wenn das Medikament wirkt, muss es noch andere Methoden (Substanzen) geben um die Gehirnchemie derartig positiv zu beeinflussen. Das öffnet eine Menge neue Türen hinter denen ich mich jetzt mal umschauen werde (vielleicht probiere ich es ja doch mal mit Extremstricken Wink ).

Wir werden hier im Antidepressiva-Forum so nach und nach unsere und eure Erfahrungen zusammentragen und hoffentlich bessere Wege als SSRI (oder was immer sich die Jungs in den weissen Kitteln als nächstes ausdenken) finden.
Seit dem ich diesen Bericht geschrieben habe, sehe ich einiges anders - nachzulesen in meinen Beiträgen im Forum.


Oliver (*)
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