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Wer ich bin...

Verfasst: 02.05.2012 13:46
von sonata
verschoben aus: http://www.adfd.org/austausch/viewtopic.php?f=27&t=6613

Hallo Rundi,

um es gleich ebenfalls auf den Punkt zu bringen: ich bin definitiv KEIN Pillenschlucker und möchte auch niemanden dazu animieren. Aber ich habe Sarahs Verzweiflung gespürt. Eine erfolgreiche Psychotherapie hängt zudem davon ab, ob man überhaupt fähig ist, an dieser teilzunehmen. Und manchmal ist es gerade deshalb wichtig, dass der Betroffene zumindest für einen gewissen Zeitraum mittels eines Medikaments dafür stabilisiert wird. Einem rigorosen Verzicht auf medikamentöse Unterstützung kann ich aus eigenem Erleben nicht zustimmen.

2007 wurde nach einer langen Odyssee, die seit meiner frühesten Jugend andauerte, endlich die Diagnose "Atypische Depression" gestellt. Es war erschreckend und befreiend zugleich. Denn endlich hatte "das Elend" einen Namen und eine Aussicht auf eine spezielle Behandlung.

Bereits seit 2001 befand ich mich in psychiatrischer und psychotherapeutischer Behandlung. Zwei Langzeit-Aufenthalte in einer Tagesklinik, eine psychosomatische Kur, eine langfristige tiefenpsychologische Therapie, eine längere Verhaltenstherapie, ein Rundum-Check in einer Neurologischen Klinik (mit MS-Test), Schlaflabor und viele bewusst entschiedene Veränderungen in meinem Leben haben keine Besserung gebracht.
Ich habe meinen Job aufgegeben, meinen ersten Mann verlassen, bin mit meinen Kindern nochmals umgezogen, lebe nun seit einigen Jahren in einer sehr schönen Beziehung, meine Kinder sind inzwischen erwachsen und stehen auf eigenen Füßen, ich habe mir ein Hobby gesucht; und doch hat sich mein Zustand nicht wesentlich verbessert. Ich war sogar gezwungen, EU-Rente zu beantragen, da es mir nicht mehr möglich ist, über mehrere Stunden konzentriert zu arbeiten. Ich glaube, ich habe alles versucht, um meinen Zustand positiv zu beeinflussen. Nach mehreren Arztwechseln hatte ich vor ca. fünf Jahren einen Arzt gefunden, der meine Symptomatik verstand bzw. versteht und mir eben das Medikament vorschlug, als letzten Ausweg, um wenigstens meine Lebensqualität etwas zu erhöhen und den Leidensdruck zu lindern. Es gibt auch jetzt Tage, wo nichts oder nicht viel geht, an denen ich müde und antriebslos bin. Aber es sind eben "nur" Tage, die zwar stetig (mehrmals im Monat) wiederkehren, aber eben nicht durchgängig mehrere Monate. An den besseren Tagen kann ich die Kraft "tanken", um die weniger guten Tage zu überstehen. Ich bin so dankbar, dass es dieses Medikament gibt. Mein Leben wär die Hölle. Ich kann das beurteilen, da ich mit dem Medikament fast ein Jahr pausiert habe. Es war (wieder) kein Leben, es war pures Vegetieren.

Im Gegensatz zu mir hat Sarah aufgrund ihres wesentlich jüngeren Alters die Chance, die Erkrankung in den Griff zu bekommen und damit ihre Arbeitsfähigkeit wieder herzustellen, auch wenn sie zeitweise Medikamente nehmen muss. Ich vermute darüberhinaus, dass es Sarah nicht um DIE Karriere geht, sondern (lediglich) darum, ihrer (oder vielleicht einer anderen) Arbeit nachzugehen. Bestätigung im Job bzw. in anderen Tätigkeiten ist wichtig. Finanzielle Abhängigkeiten - ganz gleich ob von einem Partner, den Eltern oder öffentlichen Einrichtungen (Arge, Sozialamt, etc.) - sind Gift für die Seele. Und ihre Arbeit hat Sarah ja sehr viel Freude gemacht.
Ruhe und Entlastung sind selbstverständlich erst einmal wichtig. Sich auf sich selbst besinnen, Vergangenheit aufarbeiten, Perspektiven schaffen - und das mit fachlicher Unterstützung - das ist schon der richtige Weg, da gebe ich Dir absolut Recht.

Auch wenn meine Therapien nicht den gewünschten Erfolg bezüglich der Symptomatik gebracht haben, habe ich dennoch viel über mich gelernt, über Ursachen, Verhaltensweisen, Partnerschaft, etc. Ich empfinde sie als wichtige Erfahrungen. Und ich habe Folgendes gelernt: fünf verschiedene Fachleute - fünf verschiedene Diagnosen (die Anzahl ist fiktiv). Angefangen mit der Diagnose "Hysterische Depression", "Histrionische Persönlichkeitsstörung", KEIN ADHS, DOCH ADHS, "manisch-depressive Störung" bin ich nun bei der "Atypsichen Depression" (ausgelöst durch die nicht erkannte und unbehandelte ADHS) angekommen, in deren Symptombeschreibung ich mich tatsächlich wiederfinde. Ich lebe damit und versuche jedem Tag so viel Lebens- und Liebenswertes abzugewinnen, damit mein Leben weiterhin einen Sinn hat und ich sagen kann, ich lebe gern.

Insbesondere Letzteres wünsche ich Euch allen!

Viele liebe Grüße, Kerstin.

Wer ich bin...

Verfasst: 02.05.2012 14:15
von sonata
Liebe Forum-Teilnehmer/-innen,

erst einmal vielen Dank für die Aufnahme in Eure "Reihen".
Wobei ich eigentlich eine Vielschreiberin bin, möchte ich mich hier wenigstens "kurz" vorstellen.

Ich bin 42 Jahre alt, Mutter zweier erwachsener Kinder und seit November letzten Jahres in zweiter Ehe verheiratet.
Bereits in meiner frühesten Jugend bemerkte ich, dass ich "anders" bin. Nach einer durchschnittlich normalen Kindheit begann mit dem Eintritt in die Pubertät ein viele Jahre währender Kampf mit einer Vielzahl von Symptomen, die ich vorerst nicht verstand und vor meiner Außenwelt verbarg. Mit großer Kraftanstrengung legte ich mein Abitur ab und durchlief meine Berufsausbildung. Ein Studium habe ich mir damals schon nicht mehr zugetraut, nicht der Leistungen wegen sondern aufgrund meiner Symptome wie ständige Müdigkeit, Antriebsarmut, Konzentrationsprobleme, etc. Auch während meiner beruflichen Tätigkeiten traten die Symptome immer wieder auf, so dass ich 2001 meinen Job auf- und mich in fachliche Hände be-gab.

Es brauchte dann noch einige therapeutische und fachärztliche Behandlungen inklusive mehrerer verschiedener Diagnosen bis 2007 die Diagnose "Atypische Depression" gestellt wurde. Ich nehme (und brauche) ein Medikament, um meinen Leidensdruck zu verringern und mein Leben einigermaßen erträglich zu machen. Und dazu stehe ich. Auch wenn ich selbstverständlich gegenteilige Meinungen akzeptiere, bin ich überzeugt, dass es seelische Erkrankungen gibt, die (nur) durch medikamentöse Unterstützung erträglicher werden.

Re: Hallo zusammen! Wer kennt sich aus mit Atypischer Depr.

Verfasst: 02.05.2012 14:48
von Das-kleine-Runde
Liebe Sonata :) ,

ich habe den ersten Beitrag hierher verschoben, weil es darin ebenfalls um deine Geschichte geht. :)

Sicher gibt es einen gewissen Prozentsatz von Betroffenen, denen AD helfen, unser Forum ist allerdings daraus enstanden, daß es viele Menschen gibt, die schlecht informiert ohne Wissen um die Risiken beginnen, AD und andere Psychopharmaka einzunehmen und bei Absetzproblemen von ihren Ärzten im Regen stehen gelassen werden.

Unser Anliegen ist die Information über die Risiken von modernen AD und anderen Psychopharmaka und die Unterstützung beim Absetzen.

Liebe Grüße
Rundi :hug:

Re: Wer ich bin...

Verfasst: 03.05.2012 12:44
von Das-kleine-Runde
Liebe Kerstin :) ,

sorry, ich hatte gestern übersehen, Dich für die Nutzung der gesamten Foren-Funktionen freizuschalten.
Habe ich gerade nachgeholt. :)

Alles Liebe
Rundi :hug: