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Rebeckas Geschichte

Verfasst: 23.07.2015 11:25
von Sneum
Rebeckas Geschichte
Erfahrungen mit moderner Psychiatrie und ein Aufruf zum kollektiven Umdenken

Originaltitel: One Family’s Encounter with Modern Psychiatry and a Call for Social Change
Autorin: Tabita Green (http://tabitagreen.com/)
Erschienen: 17.07.2015 auf http://www.madinamerica.de
Quelle: http://www.madinamerica.com/2015/07/one ... al-change/

Vor dem Frühjahr 2010 hatte ich mir nie viele Gedanken um die Themen psychische Gesundheit, Geisteskrankheit oder ähnliches gemacht. Mein Mann Todd und ich wurden zwar beide schon mal mit solchen Themen konfrontiert, denn Todd selbst litt während seiner Schulzeit unter Depressionen (aber wer tut das nicht?), aber die meiste Zeit machten wir uns über so etwas keine Gedanken.

Uns ging es gut.

In der Tat ging es uns sehr gut, wenn man nach den gängigen Mainstream-Standards für Erfolg ging. Todd hatte seinen Traumjob ergattert: er unterrichtete Religionswissenschaft an einer kleinen Schule für freie Künste. Ich arbeitete rund um die Uhr als Top-Führungskraft bei einer Software-Firma und trug dazu bei, das Unternehmen unter die besten 5% zu bringen. Unsere einzige Tochter, Rebecka, schrieb gute Noten, hatte viele Freunde und war generell sehr unkompliziert für eine 13-Jährige.

Ja, uns ging es gut.

Als mir Rebecka an einem sonnigen Apriltag offenbarte, dass sie depressiv sei, hatte ich Mühe, sie ernst zu nehmen. Depressiv? Was? Sie schien mir nicht depressiv, ganz im Gegenteil. Meiner Vorstellung nach verbrachten depressive Menschen die meiste Zeit zusammengerollt in fötaler Position in einem dunklen Raum oder aber sitzend in ihrer Duschwanne

"Ich weine manchmal im Bad ", sagte Rebecka "Ich weiß nicht, warum."

Nachdem wir eine Weile darüber gesprochen hatten, bat ich sie, mir Bescheid zu sagen, wenn sie sich das nächste Mal traurig fühlte. Dann wechselten wir das Thema.

Im Mai bemerkte ich, dass Rebecka abgenommen hatte. Vielleicht sogar ein bisschen mehr als es ein Wachstumsschub bei einem normaler Teenager rechtfertigen würde. Als ich es ihr gegenüber beiläufig erwähnte, ging sie ins Badezimmer, stieg auf die Waage und kam ziemlich erschrocken wieder heraus: Sie hatte 20 Pfund verloren!

Ich wusste, dass bei einer guten Freundin von ihr Anorexie diagnostiziert worden war und fragte sie direkt "Glaubst Du, Du könntest magersüchtig sein?“. Ihre Antwort: "Nein, denn ich habe ja nicht absichtlich versucht, abzunehmen".

Am nächsten Tag erhielt ich einen Anruf von der Mutter der magersüchtigen Freundin. Dies versetzte mich in solche Sorge, dass ich sofort einen Arzttermin für Rebecka ausmachte.

Der Arzt ging mehr auf ihre Depression als auf ihren Gewichtsverlust ein und schlug vor, dass sie einen Therapeuten oder Psychiater aufsuchen solle. Wir stimmten dem Besuch eines Therapeuten zu, denn das schien uns weniger ernst.

Es kam der Juni und Rebeckas Therapeut schlug vor, die Therapie medikamentös zu begleiten. Na gut. Und so reichte Rebeckas Kinderarzt ihr ein Stück Papier, das unser Leben für immer verändern sollte. Es war ein Rezept für Zoloft.

Im Laufe des Sommers wurde aus Zoloft Prozac, und als die Schule wieder anfing, begann Rebecka zu halluzinieren und wurde suizidal. Es folge eine sofortige Einweisung ins Krankenhaus und die Gabe eines für Nebenwirkungen bekannten Neuroleptikums (Risperdal).

Dies war der Beginn eines Jahres voller Krankenhauseinweisungen und Herzschmerz. Rebecka wurde eingewiesen, entlassen, eingewiesen, entlassen. Bekam verschiedene Medikamente. Bekam höhere Dosierungen. Niedrigere Dosierungen.

Wir wurden kopfüber in eine Welt katapultiert, von der wir nichts wissen wollten. Eine Welt voller Geisteskrankheit. Stigma. Psychopharmaka. Medikamenten. Bipolarität. Essstörungen. Angst. Borderline. Kognitiver Verhaltenstherapie.

Kein Therapeut kam auf die Idee uns zu fragen: "Wie geht es Ihnen denn zuhause?" "Was können wir an Rebeckas Umgebung verändern, damit sie sich besser fühlt?" Es gab keinen Hoffnungsschimmer. Kein Hinweis darauf, dass dies eine vorübergehende Phase sein könnte, ein Teil, der zum Erwachsen werden vielleicht dazugehört. Vielmehr fühlte es sich an, als sei es von nun an ein Dauerzustand. An den schlimmsten Tagen waren wir überzeugt, dass unser einziges Kind von nun an dazu verdammt wäre, auf unbestimmte Zeit in unserem Keller zu leben.

Wir hatten die ganze Zeit geglaubt, es ginge uns gut und wir machten alles richtig. Aber die Wahrheit sah anders aus: Ich war ein Workaholic und, aufgrund von arbeitsbedingtem Stress und Dissonanz zwischen meiner Arbeit und meinem Wertesystem, total überfordert. Todd arbeitete 4 Stunden von uns entfernt und verbrachte nur die Wochenenden zuhause. Unsere Zukunft war unsicher, da Todds Lehrauftrag befristet war.

Eigentlich war nichts in Ordnung.

Erst als Rebecka zum achten Mal ins Krankenhaus eingewiesen wurde, waren wir bereit, etwas zu ändern. Von Dr. Robert Shedinge erhielten wir eine Kopie von Robert Whitakers „Anatomie einer Epidemie“. Todd und ich lasen es uns während der langen Fahrten zur psychiatrischen Klinik gegenseitig laut vor.

Während wir lasen, erkannten wir in den Geschichten unsere Tochter. Ja, sie wurde nach Einnahme der Antidepressiva bipolar. Ja, sie hatte unter Zyprexa 50 Pfund zugenommen. Wir waren schockiert, als wir die Wahrheit über die moderne Psychiatrie und Pharmaindustrie erkannten und verärgert über die schlimmen Folgen für Millionen von Menschen.

Wir entschieden sofort, dass die medikamentöse Behandlung unserer Tochter eingestellt werden sollte, obwohl wir gerade erst ein unheilvolles psychologisches Gutachten über Rebeckas Zustand erhalten hatten:

"Anhand der Testergebnisse leidet Rebecka an einer sehr ernsten akuten psychiatrische Störung, sowie problematischen Persönlichkeitsmerkmalen, Verhaltensweisen und Beziehungsstörungen. Sie scheint sehr deprimiert und sehr ängstlich zu sein. Sie scheint über ihre Fehler und Ausfälle zu grübeln. Sie teilt mit dass sie sich selber hasst und glaubt, dass sie Strafe verdient hat“

Die Bitte an die Ärzte, Rebeckas Medikamente abzusetzen, war unser größter Schritt. Es widersprach allem, was die Ärzte uns die vergangenen 12 Monate geraten hatten. Auch Rebeckas Therapeut war vehement dagegen. ("Sie können wiederkommen, wenn es nicht funktioniert."). Es widersprach allem, was wir immer wieder in den Medien gehört hatten. Es widersprach dem, was wir während der Abendnachrichten in der Werbung gesehen hatten

Und es war der Wendepunkt auf Rebeckas Reise in Richtung psychische Gesundheit.

Natürlich mussten wir alle dazu beitragen um ihre (und unsere) psychische Gesundheit wiederherzustellen. Rebecka verbrachte insgesamt sechs Wochen im Essstörungsprogramm der Mayo Clinic. Todd und ich reduzierten unseren Druck auf sie,indem wir unseren Fokus weniger auf Schule, sondern mehr auf Wohlbefinden legten. Rebecka besuchte eine Dialektisch-Behaviorale Therapiegruppe für Jugendliche, in der sie Bewältigungsstrategien erlernte. Ich kündigte meinen Job, denn so konnte ich für Rebecka da sein, wenn aus der Schule kam und auch meinen eigenen Stress reduzieren. Rebecka fand wieder einen Sinn in ihrem Leben.

Im Frühjahr 2012 war der Genesungsprozess abgeschlossen. Die freche und lustige Rebecka war wieder da.

Und wir lebten glücklich bis ans Ende unserer Tage.

Nun, das hätte das Ende dieser Geschichte sein können. Allerdings hatte diese Erfahrung meine Grundfesten erschüttert. Ich würde die Welt nie wieder so naiv wie früher betrachten können.

Ich wusste, dass ich unsere Geschichte erzählen musste, um andere Eltern zu ermutigen Fragen zu stellen, ihren Gefühlen zu vertrauen und -am wichtigsten- hoffnungsvoll zu bleiben.

Kein Psychiater oder Arzt gab uns jemals die Hoffnung, dass Rebecka wieder vollständig gesund werden würde. Erst als wir uns nach einem verlorenen Jahr voller Psychopharmaka an die Mayo Clinic wandten, machte uns ein brillianter dortiger Psychologe Hoffnung. Dies befähigte uns dann, die nötigen Schritte Richtung Genesung zu gehen.

Ich beschloss, ein Buch zu schreiben. Es war therapeutisch und schmerzhaft zugleich. Ich entwarf ein vierteiliges Buch mit dem Titel „Ihr verlorenes Jahr“. Die ersten beiden Teile sollten unsere Geschichte, einschließlich Reflexionen von Rebecka beinhalten. Im dritten Teil sollte es darum gehen, was wir über die moderne Psychiatrie und der Pharmaindustrie gelernt hatten. Der letzte Teil würden alternative Ansätze zur Wiederherstellung der psychischen Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen vorstellen. Ich wollte alles abdecken: von ausreichend Schlaf bis zur zu Familientherapie.

Allerdings wurde mir schnell klar, dass mein Wissen nicht ausreichte. Eine lästige Frage ließ mich nicht los:

Warum?

Warum sind so viele Kinder und Jugendliche verzweifelt? Wie kann ein beliebtes, hübsches 13-jährige Mädchen mit hoch gebildeten Eltern und einem schönen Zuhause so verzweifelt werden, dass sie medizinische Hilfe benötigt? Warum denkt dieses Mädchen, dass ihr Leben keinen Zweck hat und nicht lebenswert ist? Warum sind so viele Kinder in der Schule verhaltensauffällig? Warum verletzen sich so viele Jugendliche selbst und denken an Selbstmord? Warum fühlen sie sich nicht wohl in ihrer Haut?

Und was können wir dagegen tun?

Meine erste Reaktion war, die Pharmaunternehmen anzuklagen. Doch dies wurde bereits gemacht. Dann beschloss ich, dazu beitragen zu wollen, eine Gesellschaft zu erreichen, in der widerstandsfähige, starke, geistig gesunde Kinder heranwachsen können. Steven Epperson erklärt diesen Bedarf in seinem Beitrag unter http://www.madinamerica.com/2015/06/chi ... gislature/

Ja, wir müssen bei Kindern die angeborene Widerstandskraft fördern, aber wir müssen auch über individuellen Bildungsprogramme nachdenken.

Wir müssen unsere Gesellschaft radikal verändern, damit dies zur Optimierung der psychischen Gesundheit führen kann.


Es hängt alles zusammen. Psychische Gesundheit ist so viel mehr als ein individuelles Problem. Es ist ein gesellschaftliches Thema. Es ist ein Umweltproblem. Es ist eine moralische Frage. Es ist eine politische Frage. Wir behandeln Kinder, um sie dazu zu bringen, sich an ihre Umgebung (öffentliche Schule oder ein instabiles zuhause) anzupassen, tun aber wenig für die Anpassung der Umgebung an die Kinder. Zu teuer. Zu schwierig. Zu wenig Gewinn. Vielleicht sind wir nicht einmal sicher, wie wir das anstellen sollten.

Die Not unserer Kinder ist, neben Klimawandel, dem Artensterben, andauernden Kriegen, Hunger, etc., ein Zeichen, dass etwas grundlegend falsch mit der Welt läuft, in der wir leben.

Wir alle können so viel meditieren und Yoga machen, wie wir wollen (und das sind sehr hilfreiche Praktiken!), aber bevor wir nicht das System in großem Stil verändern, werden unsere Kinder weiterhin leiden.

Also fügte ich meinem Buch noch ein fünftes Kapitel hinzu, in welchem es darum geht, wie wir die psychische Gesundheit von Kindern durch soziale Veränderungen optimieren können.

Es deckt die Bereiche Konsum, Politik, Erziehung und Bildung ab, kratzt dabei aber nur an der Oberfläche. Aber irgendwo müssen wir ja anfangen. Wir müssen von unserer wettbewerbsgeprägten, individualistischen Lebensweise hin zu einem kooperativen Gemeinschaftsmodell finden. Wir müssen zu einer Gesellschaft werden, in der Kinder (und Erwachsene!) sie selber sein können und sich gehört und unterstützt fühlen können.

Willst du mich bei diesem Wandel begleiten? Es ist an der Zeit.

Re: Rebeckas Geschichte

Verfasst: 23.07.2015 11:52
von padma
liebe Sneum, :)

ganz vielen Dank für die Übersetzung. :hug:

Man mag wirklich gar nicht darüber nachdenken, wieviele Kinder/Jugendliche durch Psychopharmakas dauerhaft krank gemacht werden.

Diese Berichte machen mich immer wieder sehr betroffen.

liebe Grüsse,
padma

P.S. deine Signatur habe ich rausgenommen, sie könnte für Leser/innen,die sich bei uns nicht so gut auskennen, verwirrend sein.

Re: Rebeckas Geschichte

Verfasst: 23.07.2015 11:54
von Murmeline
Sneum, vielen vielen vielen Dank! Ich bin ganz gluecklich, dass es den Artikel nun auf deutsch gibt :hug:

Re: Rebeckas Geschichte

Verfasst: 23.07.2015 14:45
von Oliver
Wow! Tolle Übersetzung! Danke Sneum :hug:

Ich habe jetzt die ersten drei Beiträge in diesem Thema gelöscht, damit die Übersetzung als erster Beitrag auftaucht.

Vielen Dank auch an Murmeline für's Aufstöbern dieses Berichtes :group:
:fly: