Erfahrungsbericht Citalopram
Verfasst: 31.10.2017 12:15
Lieber Antidepressiva Geplagten,
nach langem Mitlesen möchte ich zunächst loswerden, wie dankbar ich für dieses Forum bin und was ihr hier für großartige Arbeit leistet. Ich habe mich entschieden, meine Geschichte zu teilen und mein Absetzen hier zu dokumentieren, um anderen damit vielleicht irgendwie helfen zu können.
Meine Geschichte:
ich bin 29, Einzelkind, hatte eine sehr behütete Kindheit. Kindheitskonflikt: extreme Überbehütung durch Mutter, Vater nicht involviert in Erziehung, Weltbild vermittelt bekommen die Welt ist gefährlich und nur zuhause ist es sicher, brauche Bezugsperson und kann nicht alleine sein. Schlimme Krankheit im Jugendalter -> Wirbelsäulen OP mit 14, danach schwerbehindert weil Rücken komplett steif. Selbstbild: ich bin klein und schwach, werde nie sein wie andere. Trotz allem extremer Lebenswille, wollte die Welt sehen, erkunden, wollte frei sein und leben
Anbahnung der Krise:
mit 23 Australier kennengelernt, nach Australien gezogen und das wilde, freie Leben geführt was ich immer wollte. Leider hat mich Freund schwer emotional missbraucht: Beschimpfungen, sexuelle Gewalt. Habe es toleriert und Schuld auf mich geschoben. simultan 3 Todesfälle in meiner Familie. Keine Unterstützung durch meinen Freund. Trennung nach 4 Jahren, totaler Schock, wieder nach Deutschland. Neues Leben in Berlin aufgebaut, emotional stark angeschlagen aber den Schmerz unterdrückt durch Parties, Arbeit.
Beginnende depressive, leichte Episoden. Neuen Mann kennengelernt: leider das gleiche Muster: Emotional misshandelt, neu dazu: Drogen. Kokainmissbrauch zusammen mit ihm für 2 Jahre. in konsumfreien Zeiten: Schwere, depressive Abstürze. Habe es auf Kokain Come-down geschoben. Weitere Todesfälle. Keine Unterstützung durch Freund. Parallel Unternehmen gegründet. Unternehmen geht durch die Decke, 2016 allein gestartet, 2017 11 Mitarbeiter.
Plötzlich mit 28 Geschäftsführerin mit extremer Verantowrtung. Seit 2016 erste Panikattacken. Extremer Stress, nur noch am arbeiten, emotional völlig verkümmert, kokainabhängig. Januar 2017 Kokain Stopp Kaltentzug. Mai 2017 Trennung von Freund, musste mir zu allem noch neue Wohnung suchen: völliger Zusammenbruch.
Krise: Völliger Nervenzusammenbruch, Angstzustände, Panikattacken, Gewichtsverlust, komplette Verwirrtheit, Schlaflosigkeit für fast 6 Wochen. Völliger Burn Out und Energieverlust, schwere Depression, unfähig aus dem Bett aufzustehen, keinerlei Körperhygiene mehr, 10 kg abgenommen in 6 Wochen. Beginn ambulante Verhaltenstherapie, leider ging es mir so schlecht, dass ich die Tips (Sport, "sich was gutes tun") nicht umsetzen konnte, daher stationäre Aufnahme in Psychiatrie.
Psychiatrie: Wie es mir danach ergangen ist, kann man in meiner Signatur lesen. Ich wurde mich Citalopram behandelt, obwohl ich extrem gegen chemische Medikamente bin. Wenn ich mal zurück blicke wäre das, was ich zu der Zeit am meisten gebraucht hätte: Ruhe. Behandlung mit Promethazin zum schlafen war erfolgreich (Gott sei Dank habe ich kein Mirtazapin bekommen) Meine Wunschtherapie hätte sicher ein Weilchen gedauert, wahrscheinlich mindestens 3 Monate, aber die Kombination aus Ruhe, schlafen, raus aus dem Alltag und Therapien hätte es wharscheinlich gebracht. Der Ansatz der Psychiatrie ist ja (leider) aber, einen möglichst schnell wieder auf die Beine zu bekommen. Citalopram hat mich nach der Verabreichung der 20 mg dermaßen aufgeputscht, dass ich sogar wieder joggen war. Einziges Problem: Ich war nicht ICH! Ich war wie ein Zombie auf 2 Beinen, seelisch völlig zerstört aber körperlich mobil.
Ich saß teilweise sogar in der Therapie und meinte zu meiner Therapeutin: ich habe nichts zu erzählen, alles ist super. Ich hatte überhaupt gar keinen Zugang zu meinen Problemen und Gefühlen. Ich habe den Depressionsbogen ausgefüllt und siehe da: ich galt als geheilt! Keine Depression mehr vorhanden. (SO funktioniert das also, wenn davon gesprochen wird, die Psychopharmakagabe würde die Heilung beschleunigen)
Absetzen:
[highlight=yellow]Zunächst einmal ein sehr, sehr wichtiger Tip: Es gibt Citalopram in Tropfen Form!! Ein Umstellen auf Cipralex ist NICHT nötig! Das Präperat heißt Citalopram Hormosan Tropfen.[/highlight]
Ich wurde entlassen, in meinem alten Umfeld habe ich dann erstmal registriert, was für ein Elend auf 2 Beinen ich bin
lebensfähig aber völlig teilnahmslos, komplette Leck-mich-am-Arsch-Stimmung, meine Seele als wäre sie nicht mehr vorhanden. Als wäre mein Kopf irgendwie abgeschnitten von meinem Körper. Ich habe draufhin angefangen über das Medikament zu recherchieren, und mich entschieden es schnellsmöglich zu reduzieren. Mit jeder Reduzierung hatte ich schlimme Absetzsymptome aber ein Funken ICH kam wieder.
Dass ich noch lebe, muss ich mir zu diesem Zeitpunkt echt hoch anrechnen. Noch heute führe ich keinen normalen Alltag, ich fühle mich sehr schwach und stark angeschlagen. Ich weine jeden Tag, habe ja aber auch einiges zu verarbeiten. Letzte Woche hatte ich auch noch eine gynäkologische Not OP. Alles stehe ich mehr oder weniger alleine durch.
Im Prinzip beginnen die Absetzbeschwerden bei mir innerhalb von 24 h der Dosisreduktionen und legen sich nach 14 Tagen. Ich bin erschüttert, dass ich solche Probleme habe, obwohl ich die 20 mg gerade mal 5 Wochen genommen habe. Derzeit bin ich seit 2 Tagen auf 5 mg und merke, dass es mir jetzt auch wieder schlechter geht. Das Tempo setze ich jetzt runter. Alle 6 Wochen geht es runter, ob weiterhin 2 mg oder weniger entscheide ich nach Gefühl.
Was mir hilft durch diese schwere Zeit: Eine starke, spirituelle Praxis. Ich stehe jeden Tag auf und beginne den Tag mit einem Gebet, in dem ich mich BEDANKE für diese schwere Zeit, weil ich weiß, dass es danach besser wird und ich ein Leben von ganz neuer Qualität führen werde. Ich mache täglich Yoga und Meditation, ich zwinge mich zu Bewegung und gesunder Ernährung, gehe regelmäßig zur Massage. Ich gehe nicht arbeiten, habe eine stellvertretene Geschäftsführung eingestellt. Meine Gesundheit hat jetzt oberste Priorität. Ich habe einen großen Lebenswillen und lasse mich nicht unterkriegen! Ich gehe regelmäßig 2 mal wöchentlich zur Therapie und bin dankbar, dass ich jetzt auf dem Weg in ein hoffentlich gesundes Leben bin. Und ganz, ganz viel Ruhe.
Sende euch viel Kraft,
Jo
nach langem Mitlesen möchte ich zunächst loswerden, wie dankbar ich für dieses Forum bin und was ihr hier für großartige Arbeit leistet. Ich habe mich entschieden, meine Geschichte zu teilen und mein Absetzen hier zu dokumentieren, um anderen damit vielleicht irgendwie helfen zu können.
Meine Geschichte:
ich bin 29, Einzelkind, hatte eine sehr behütete Kindheit. Kindheitskonflikt: extreme Überbehütung durch Mutter, Vater nicht involviert in Erziehung, Weltbild vermittelt bekommen die Welt ist gefährlich und nur zuhause ist es sicher, brauche Bezugsperson und kann nicht alleine sein. Schlimme Krankheit im Jugendalter -> Wirbelsäulen OP mit 14, danach schwerbehindert weil Rücken komplett steif. Selbstbild: ich bin klein und schwach, werde nie sein wie andere. Trotz allem extremer Lebenswille, wollte die Welt sehen, erkunden, wollte frei sein und leben
Anbahnung der Krise:
mit 23 Australier kennengelernt, nach Australien gezogen und das wilde, freie Leben geführt was ich immer wollte. Leider hat mich Freund schwer emotional missbraucht: Beschimpfungen, sexuelle Gewalt. Habe es toleriert und Schuld auf mich geschoben. simultan 3 Todesfälle in meiner Familie. Keine Unterstützung durch meinen Freund. Trennung nach 4 Jahren, totaler Schock, wieder nach Deutschland. Neues Leben in Berlin aufgebaut, emotional stark angeschlagen aber den Schmerz unterdrückt durch Parties, Arbeit.
Krise: Völliger Nervenzusammenbruch, Angstzustände, Panikattacken, Gewichtsverlust, komplette Verwirrtheit, Schlaflosigkeit für fast 6 Wochen. Völliger Burn Out und Energieverlust, schwere Depression, unfähig aus dem Bett aufzustehen, keinerlei Körperhygiene mehr, 10 kg abgenommen in 6 Wochen. Beginn ambulante Verhaltenstherapie, leider ging es mir so schlecht, dass ich die Tips (Sport, "sich was gutes tun") nicht umsetzen konnte, daher stationäre Aufnahme in Psychiatrie.
Psychiatrie: Wie es mir danach ergangen ist, kann man in meiner Signatur lesen. Ich wurde mich Citalopram behandelt, obwohl ich extrem gegen chemische Medikamente bin. Wenn ich mal zurück blicke wäre das, was ich zu der Zeit am meisten gebraucht hätte: Ruhe. Behandlung mit Promethazin zum schlafen war erfolgreich (Gott sei Dank habe ich kein Mirtazapin bekommen) Meine Wunschtherapie hätte sicher ein Weilchen gedauert, wahrscheinlich mindestens 3 Monate, aber die Kombination aus Ruhe, schlafen, raus aus dem Alltag und Therapien hätte es wharscheinlich gebracht. Der Ansatz der Psychiatrie ist ja (leider) aber, einen möglichst schnell wieder auf die Beine zu bekommen. Citalopram hat mich nach der Verabreichung der 20 mg dermaßen aufgeputscht, dass ich sogar wieder joggen war. Einziges Problem: Ich war nicht ICH! Ich war wie ein Zombie auf 2 Beinen, seelisch völlig zerstört aber körperlich mobil.
Absetzen:
[highlight=yellow]Zunächst einmal ein sehr, sehr wichtiger Tip: Es gibt Citalopram in Tropfen Form!! Ein Umstellen auf Cipralex ist NICHT nötig! Das Präperat heißt Citalopram Hormosan Tropfen.[/highlight]
Ich wurde entlassen, in meinem alten Umfeld habe ich dann erstmal registriert, was für ein Elend auf 2 Beinen ich bin
Dass ich noch lebe, muss ich mir zu diesem Zeitpunkt echt hoch anrechnen. Noch heute führe ich keinen normalen Alltag, ich fühle mich sehr schwach und stark angeschlagen. Ich weine jeden Tag, habe ja aber auch einiges zu verarbeiten. Letzte Woche hatte ich auch noch eine gynäkologische Not OP. Alles stehe ich mehr oder weniger alleine durch.
Im Prinzip beginnen die Absetzbeschwerden bei mir innerhalb von 24 h der Dosisreduktionen und legen sich nach 14 Tagen. Ich bin erschüttert, dass ich solche Probleme habe, obwohl ich die 20 mg gerade mal 5 Wochen genommen habe. Derzeit bin ich seit 2 Tagen auf 5 mg und merke, dass es mir jetzt auch wieder schlechter geht. Das Tempo setze ich jetzt runter. Alle 6 Wochen geht es runter, ob weiterhin 2 mg oder weniger entscheide ich nach Gefühl.
Was mir hilft durch diese schwere Zeit: Eine starke, spirituelle Praxis. Ich stehe jeden Tag auf und beginne den Tag mit einem Gebet, in dem ich mich BEDANKE für diese schwere Zeit, weil ich weiß, dass es danach besser wird und ich ein Leben von ganz neuer Qualität führen werde. Ich mache täglich Yoga und Meditation, ich zwinge mich zu Bewegung und gesunder Ernährung, gehe regelmäßig zur Massage. Ich gehe nicht arbeiten, habe eine stellvertretene Geschäftsführung eingestellt. Meine Gesundheit hat jetzt oberste Priorität. Ich habe einen großen Lebenswillen und lasse mich nicht unterkriegen! Ich gehe regelmäßig 2 mal wöchentlich zur Therapie und bin dankbar, dass ich jetzt auf dem Weg in ein hoffentlich gesundes Leben bin. Und ganz, ganz viel Ruhe.
Sende euch viel Kraft,
Jo