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Tom: Duloxetin absetzen

Sammlung von Erfahrungsberichten mit Psychopharmaka.
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Murmeline
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Tom: Duloxetin absetzen

Beitrag von Murmeline » Donnerstag, 07.11.19, 6:21

Hier der Erfahrungsbericht eines Psychiaters aus England.
Ich habe Tom persönlich kennengelernt und es zeigt sich mal wieder, dass individuelle Erfahrungen der Motor sind, das Thema zu begreifen und aktiv zu werden.

Er war Autor dieser Studie zu Erfahrungen im amerikanischen Forum Surviving Antidepressants

https://adfd.org/austausch/viewtopic.php?f=6&t=15197

Hier sein persönlicher Bericht, vielleicht übersetzt jemand?
https://journals.sagepub.com/doi/full/1 ... 5319884834

FineFinchen
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Re: Tom: Duloxetin absetzen

Beitrag von FineFinchen » Donnerstag, 07.11.19, 12:24

Hallo Murmeline, :-)

ich übersetze seinen persönlichen Bericht.

Grüße
Finchen
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FineFinchen
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Re: Tom: Duloxetin absetzen

Beitrag von FineFinchen » Montag, 30.12.19, 15:57

Übersetzung:

Quelle: https://journals.sagepub.com/doi/full/1 ... 5319884834
Autor: Tom Stockmann, Veröffentlicht 01.11.2019



Was es bedeutet, ein Antidepressivum abzusetzen

Mein Versuch, ein Antidepressivum nach längerem Gebrauch abzusetzen, begann kurz nach meiner Aufnahme ins Royal College of Psychiatrists. Schnell stellte ich fest, dass mein Wissen zwar für die schriftliche Prüfung und für die Beratung eines Testpatienten in einer klinischen Prüfung ausreichend war, mich aber nicht auf die bevorstehenden Probleme vorbereitet hatte.

Ich hatte etwa ein Jahr lang 60 mg des SNRI-Duloxetin eingenommen, das mir ein Psychiater gegen meine Niedergeschlagenheit verschrieben hatte. Ich wurde weder vor der möglichen Absetzschwierigkeit gewarnt, noch habe ich diese selbst erwartet. Ich wusste, dass möglicherweise ein "Absetz-Syndrom" auftreten könnte - aber kein Entzug. Und zudem wären alle Symptome "normalerweise mild und auf etwa eine Woche begrenzt". Erst später erfuhr ich die Bezeichnung und die Beschreibung des Syndroms (die beide von einer von der Industrie gesponserten Konferenz stammten).

Vor dem Absetzen des Medikaments habe ich die empfohlenen 6 Monate nach der Genesung abgewartet. Ich war zu diesem Zeitpunkt in Behandlung bei meinem Hausarzt. Wir haben beide mit einem unkomplizierten Ablauf von etwa einem Monat gerechnet und ich war froh, dass ich die Verantwortung für die Reduzierung delegiert bekam. Mein erster Schritt war die Halbierung der Dosis auf 30 mg.

Innerhalb eines Tages bekam ich mehrere unangenehme Symptome. Ich war benommen, schwindelig und hatte seltsame, Stromschlag-ähnliche Empfindungen in meinen Armen und manchmal, wenn ich mich umblickte, in meinem Kopf. Ich fühlte mich desorientiert, unfähig, klar zu denken, unentschlossen. Ich wurde reizbar, ängstlich und manchmal depersonalisiert - ich fühlte mich beunruhigend unwirklich oder von mir selbst losgelöst. Eines der schlimmsten Symptome war eine Dysphorie*, ähnlich, aber deutlich unterschieden von meiner gewohnten Niedergeschlagenheit, indem ich mich irgendwie tiefer und körperlicher fühlte. Es war schwierig, einige meiner Beobachtungen zu beschreiben. Interessant fand ich später die verschiedenen Darstellungen, mit denen die Menschen eine Reihe von ungewohnten Empfindungen schilderten. Einige davon, wie "Brain-Fog", "emotionaler Schmerz" und "innere Qual", finden bei mir besondere Resonanz.

Ich versuchte zunächst, die Dosishalbierung einfach durchzudrücken. Ich habe das mehrmals probiert, konnte aber die Symptome nicht ertragen. Ich brauchte einen langsameren Ansatz. Bezeichnenderweise war meine Reduzierung durch den begrenzten Dosisbereich eingeschränkt; eine Reduzierung um 10%, 20% oder gar 25% war nicht möglich. Die Symptome setzten auch zu schnell ein, als dass man täglich wechselnden Dosierungen hätte verabreichen könnte. Das Medikament bestand aus Kapseln, die hunderte von kleinen Kügelchen umhüllen. Ich konnte sie nicht wie eine Tablette halbieren, aber ich konnte eine Kapsel auseinandernehmen und die Perlen entfernen. Ich begann damit, die Dosis zu reduzieren, indem ich die Tabletten auf einem Badezimmerregal öffnete und Perlen portionsweise herauspickte.

Ich versuchte es mit immer kleineren Einheiten, auf einer Trial-and-Error-Basis. Unerträgliche Entzugserscheinungen hielten an. Es fühlte sich absurd an. Ich konnte nicht verstehen, warum es sich als so schwierig erwies und warum ich die Kapselzerlegung improvisieren musste, anstatt einem Standardverfahren zu folgen.

Die Symptome kamen dem normalen Leben in die Quere. Meine Beziehungen wurden in Frage gestellt. Ich musste Dosis-Reduktionsversuche rund um meine Arbeit und sozialen Verpflichtungen durchführen, aufgrund von Beeinträchtigungen durch den Entzug. Ich machte immer wieder Pausen zwischen den Reduzierungen, manchmal Tage, manchmal Wochen - um auf einen günstigeren Zeitpunkt zu warten oder um mich ausreichend stabilisiert zu fühlen, um eine weitere Reduzierung vorzunehmen.

Meine Symptome unterschieden sich von meinen ursprünglichen Symptomen und ließen innerhalb des Tages nach, wenn ich zu meiner Ausgangsdosis zurückkehrte. Das machte mir klar, dass es sich um einen Entzug handelte, aber lange Zeit, vielleicht aufgrund der Schwere der Symptome oder der Angst und des nebligen Denkens, konnte ich die Sorge nicht abschütteln, dass ich einen Rückfall (der Grunderkrankung) erlitt. Darüber hinaus begann die schnelle, wirksame Linderung durch die Erhöhung der Dosierungen, sich wie der Schuss einer Suchtdroge anzufühlen. Ich machte mir Sorgen, dass ich auf der Droge festsaß.

Schließlich fing ich an, jeden Tag nur eine Perle aus der Kapsel zu nehmen, um die Dosis langsam zu verringern. Es war frustrierend langsam. Ungeduldiges Herausschütteln von noch ein paar mehr Perlen erwies sich als unklug; gelegentliche impulsive Reduzierungen erwiesen sich als zunehmend schmerzhaft, da die Dosis abnahm. Am Ende dauerte es fast ein Jahr, bis ich endlich die Dosis absetzte. Ich erinnere mich deutlich, dass ich kurz darauf durch den Wald ging. Die Vögel waren lauter, die Bäume und der Himmel klarer. Ich fühlte mich glücklich, lebendiger. Ich merkte, dass meine Sinne und Gefühle nicht mehr durch die Drogen abgestumpft waren. Ich hatte keine Entzugserscheinungen mehr und keine depressiven Symptome, was mich schließlich davon überzeugte, dass ich eher einen Entzug als einen Rückfall durchgemacht hatte.

Mir war bewusst, dass dies nur die Erfahrung einer Person war. Aber mir wurde auch klar, dass ich bei weitem nicht die einzige Person war, die dieses Problem erlebt hatte. Auf einer Konferenz traf ich andere, die ähnliche Erfahrungen gemacht hatten. Dort hörte ich von der Website Surviving Antidepressants (SA), die Unterstützung beim Absetzen von Psychopharmaka und der Bewältigung von Entzugserscheinungen anbietet. Viele Menschen berichten, dass sie solche Ressourcen für notwendig erachten, da es kein ausreichendes Verständnis und keine ausreichende Unterstützung durch die psychiatrischen Dienste gibt. Das wird durch die 12.000 registrierten Nutzer von SA und 300.000 Zugriffe pro Monat untermauert.

Es gab auch hochkarätige und bewegende Berichte über den Entzug von Antidepressiva in den Medien. Sie verdeutlichen auch die entscheidenden Aspekte eines Mangels an Forschung und die Gefahr der Fehldiagnose von Entzug als Rückfall.
Ich freue mich, dass das Royal College of Psychiatrists vor kurzem die Brisanz dieses Themas anerkannt hat und dass ein vom NICE geplanter Leitfaden für die Verschreibung und den Entzug von Medikamenten (Drogen), einschließlich Antidepressiva, erstellt wurde.

Gemeinsam mit weiterer Forschung, hoffe ich, dass dies dazu führt, dass Patienten und Ärzte umfassende und genaue Informationen über den Entzug erhalten. Informationen, auf die sie zurückgreifen können, wenn sie die Einnahme eines Antidepressivums in Erwägung ziehen, und klare, nützliche Hinweise und Unterstützung rund um die Reduktion - für die Millionen von Menschen, denen diese Medikamente verschrieben werden.

*Dysphorie
Erklärung aus Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Dysphorie:
Als Dysphorie wird eine Störung des emotionalen Erlebens (Affektivität) bezeichnet, die durch eine ängstlich-bedrückte, traurig-gereizte Stimmungslage charakterisiert ist. Die Betroffenen erleben sich dabei als unzufrieden, schlecht gelaunt, misslaunig oder missgestimmt, mürrisch, verdrossen oder verärgert bzw. werden dementsprechend wahrgenommen
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Annanas
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Re: Tom: Duloxetin absetzen

Beitrag von Annanas » Montag, 30.12.19, 16:06

Liebe Finchen :) , vielen Dank für die Übersetzung - werde ich wohl auch Tom's Berufskollegin unter die Nase halten.
LG von Anna

PS: Signatur wegen Kurzmitteilung abgekoppelt.

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