Hallo zusammen,
ich glaube, hier vermischen sich
zwei wesentliche Ebenen in der Diskussion:
a) Die Unterscheidung zwischen körperlicher Abhängigkeit und Sucht ist ja in erster Linie eine
fachsprachliche (bzw. aus medizinischer Sicht getroffene), wie sie ja auch Eingang in div. Defintionen gefunden hat (s. Beiträge oben). Ich persönlich würde bei AD auch von körperlicher Abhängigkeit sprechen, nicht von Sucht, damit verbinde ich in erster Linie das sog. "craving", also das heftige Verlangen nach der Substanz (was wir ja bei AD in der Regel nicht haben). Allerdings haben wir durchaus den Faktor Entzugssymptome (körperliche und psychische) sowie auch Toleranzentwicklung!
Das Fiese ist, dass körperliche Abhängigkeit in der neueren Definition von "Abhängigkeit" dem Suchtbegriff im Grunde subsumiert werden, was zu völlig undifferenzierten Beurteilungen von Substanzen führt, die dann als "nicht abhängig machend" bezeichnet werden, obwohl das natürlich - wie im Falle von AD - kompletter Unfug ist, wie wir ja wissen. (Interessanter Hinweis am Rande, der sich wohl auch hier im ADFD im entsprechenden Beitrag findet: Die Definition wurde im Zuge der Einführung der neueren AD geändert, sodass man eben Abhängigkeitspotenzial leugnen kann bzw. dieses keinen Eingang in den Beipackzettel findet.

Alles Zufall?)
b) Allgemeinsprachlich werden "Abhängigkeit" und Sucht" quasi synonym verwandt, das zeigt auch der Eintrag zu "Sucht" im Duden:
krankhafte Abhängigkeit von einem bestimmten Genuss- oder Rauschmittel o. Ä.
(Quelle:
http://www.duden.de/rechtschreibung/Sucht)
Umgekehrt führt der Duden für "Abhängigkeit" auch "Sucht" in der Liste der Synonyme auf.
Somit werden Menschen im Allgemeinen oder Patienten im Speziellen meistenteils immer verstehen, wenn sie hören, ein Mittel mache nicht abhängig, dass man es von heute auf morgen weglassen kann. Und genau hier liegt die
Falle!

Ärzte können "guten Gewissens" nach der aktuellen Definition sagen, etwas mache nicht abhängig, was bedeutet, es erfüllt die Kriterien x, y, z nicht, während der Patient das ganz anders interpretiert. Daher ist die aktuelle fachliche Definition von Abhängigkeit so perfide.
Für die fachsprachliche Diskussion halte ich - wie gesagt - die Unterscheidung zwischen körperlicher Abhängigkeit und Sucht für enorm wichtig, sonst wird es m. E. schwierig, in dieser Hinsicht ernst genommen zu werden und das Ganze differenziert zu betrachten. Darüber hinaus finde ich die Unterscheidung auch nicht unwichtig, um die Natur des AD-Entzugssyndroms zu verstehen. Es geht eben nicht darum, dass jemand so etwas wie Kontrollverlust erleidet und einfach nicht die Finger von den Substanzen lassen kann. Im Gegenteil zwingen extreme körperliche Reaktionen die Betroffenen zur weiteren Einnahme, wenn sie nicht potenziell starke Symptomatiken aushalten wollen - weil eben
körperliche Veränderungen von den Medikamenten initiiert wurden, um nicht zu sagen Schäden. (So kommen manche ja tatsächlich auf die Idee zu meinen, man könnte Entzugssymptome von AD mit "Willenstärke" aushalten bzw. in den Griff bekommen. Das ist bei rein körperlicher Symptomatik, die sich im Übrigen auch in psychischen Symptomen äußern kann, natürlich völliger Quatsch.)
Allgemeinsprachlich gilt etwas anderes.
Liebe Grüße
Carlotta