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Häufig gestellte Fragen (FAQs) - Thematik Absetzen

Das Ausschleichen von Antidepressiva, Benzodiazepinen und anderen Psychopharmaka kann schwierig und langwierig sein. Hier findet ihr Artikel, die die jahrelange Erfahrung der Teilnehmer widerspiegeln.
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Häufig gestellte Fragen (FAQs) - Thematik Absetzen

Beitragvon Murmeline » Dienstag, 23.06.15, 9:04

Nachfolgend finden sich allgemeine Fragen und Antworten rund um die Thematik Psychopharmaka absetzen, Schwerpunkt Antidepressiva absetzen.

Da man das Rad nicht immer wieder neu erfinden muss, haben wir uns am amerikanischen Forum Surviving Antidepressants (SA) orientiert und die Erlaubnis eingeholt, die Basistexte der Gründerin Altostrata zu übersetzen, anzupassen und zu ergänzen. Altostrata ist von einem chronischen Langzeitentzugssyndrom betroffen und beschäftigt sich seit Jahren mit diesem Thema, nicht nur mit den zahlreichen Erfahrungsberichten Betroffener im Forum SA, sondern auch mit Fachliteratur und im Austausch mit Ärzten.

Sie schreibt dazu hier
Da ich seit mehr als 6 Jahren (seit 2004, Text ist von 2010) unter einem Entzugssyndrom leide, habe ich in Fachzeitschriften alles dazu gelesen, was ich konnte (ich war früher einige Jahre medical researcher und arbeitete für ein Biotechnologieunternehmen). Ich habe mit vielen, vielen Ärzten verschiedener Fachrichtungen gesprochen und habe festgestellt, dass Psychiater (...) beim Thema Absetzsyndrom ebenso unwissend sind, wie jeder andere Arzt.

Im Dezember 2007, als ich meine Schlaffähigkeit verlor und überhaupt nicht mehr schlafen konnte, fand ich einen Neuropsychiater mit Fachgebiet Schlafstörungen. Er versteht Entzugssyndrome wie ich und bestätigt meine Ansichten. Unter seiner Fürsorge konnte ich mich langsam erholen (...).

Es ist sehr schwer, einen Arzt zu finden. In den drei Jahren habe ich mit 50 Psychiatern gesprochen, auch vom Fachbereich Medizin an der University of California, San Francisco, und keiner von ihnen wusste etwas von Entzugssyndromen - also muss niemand überrascht sein, wenn der eigene Arzt ebenso ahnungslos ist.


Inhalt


Diese FAQ ist eine eine Gemeinschaftsarbeit des ADFD-Teams
Zuletzt geändert von Oliver am Mittwoch, 08.07.15, 19:05, insgesamt 2-mal geändert.

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Langsames Ausschleichen - Basisinfos

Beitragvon Murmeline » Dienstag, 23.06.15, 10:29

Warum sollte ich Psychopharmaka langsam über einen längeren Zeitraum ausschleichen und nicht in wenigen Schritten in einem kurzen Zeitraum?

Im Forum http://survivingantidepressants.org/ (kurz: SA) wird die 10%-Methode (hier verstanden als 10% immer von der letzten Dosis) als harm reduction approach bezeichnet, also als "Schadensbegrenzungsansatz". SA stellt sich damit - ebenso wie Psychiater wie Dr. Peter Breggin oder andere Initiativen, die Empfehlungen für langsames Ausschleichen herausgeben (siehe unten) - gegen die in der Fachwelt oft verbreitete Annahme, dass es quasi allgemeingültig für jeden Menschen sinnvoll sei, in wenigen, größeren Schritten über einen fest definierten, oft kurzen Zeitraum zu reduzieren. Im SA-Forum wird diese Empfehlung vor allem als Schutz vor länger andauernden Absetzproblemen/Entzugssymptomen bzw. vor einem potentiellen Langzeitenzugssyndrom ausgegeben.

Reaktionen auf das Absetzen sind individuell verschieden. Es ist für jeden erfreulich, der keine oder kaum Probleme damit hat. Es ist für jeden Einzelnen mehr als schlimm, der damit größere, ggf. auch langfristige Probleme hat. Das ADFD erkennt Probleme beim/nach dem Absetzen an, stellt Informationen bereit und bieten den Mitgliedern Raum, sich gegenseitig im Erfahrungsaustausch beim Reduzieren/Absetzen und auch im Langzeitentzug zu unterstützen.

Hier eine ausführliche Liste von Absetzsymptomen: viewtopic.php?f=18&t=12534

Bei SA wird erklärt:
Der vorsichtige Ansatz ist mit der Hoffnung verbunden, dass diese Absetzmethode bei den wenigsten Menschen Schäden hervorruft.
Zusammengefasst: die 10%-Methode empfiehlt eine 10% Dosisreduktion von der letzten Dosis alle 3-4 Wochen, die Dosisschritte werden also proportional immer kleiner.

Hnweis: Hier im ADFD hat sich die Empfehlung 10% von der Ausgangsdosis alle 4-6 Wochen etabliert, mit einem Wechsel auf 5 % im unteren Dosisbereich. Bei einer hohen Ausgangsdosis sollte die Bezugsgrösse für die 10% im Verlauf verringert werden.

Gestützt werden beide Ansätze durch eine Studie (in Bezug auf SSRI), die zeigt, dass die Plasmakonzentration exponentiell steigt bzw. fällt. Dies ist ein wichtiger Erklärungsbaustein für langsames, schrittweises Reduzieren, gerade im unteren Dosisbereich, da dann noch überproportional viele Rezeptoren mit Wirkstoff belegt sind (siehe auch Serotonintransporter-/Rezeptorenbelegung).

Die Stabilisierungsphase (ob nun 3 oder bis zu 6 Wochen, je nach persönlichem Verlauf) ist wichtig. Absetzsymptome können (auch zeitverzögert) entstehen, regulieren sich aber idealerweise und verschwinden dann wieder. Absetzsymptome werden als Funktionsstörungen im Neurotransmittergleichgewicht des zentralen Nervensystems beim Absetzen der Substanzen verstanden, das ZNS muss sich wieder anpassen. Nach einer individuellen Stabilitätsphase (weitgehend symptomfrei) kann die Reduktion fortgesetzt werden. 0

Hinweis ADFD: Es ist sinnvoll, dass man sich vor dem Hintergrund eigener Recherche in den bereitgestellten Informationen und Erfahrungsberichten eine individuelle Vorgehensweise erarbeitet, die letztendlich von den individuellen Reaktionen im persönlichen Absetzverlauf mitbestimmt wird.

Die Gefahr eines schwerwiegendes Entzugsyndroms sollte nicht unterschätzt werden, und dieser vorsichtige Ansatz für das Absetzen ist gefordert, um jeden Einzelnen davor zu schützen.

Manche Menschen können in wenigen Wochen Psychopharmaka absetzen, andere haben nach einem Kaltentzug (von der gewohnten Dosis von heute auf morgen auf 0) kleinere Absetzsymptome für einen Monat. Ärzte denken daher oft, jeder könne es so machen. Es gibt jedoch auch Betroffene, die ein länger anhaltendes Absetzsyndrom entwickeln. Wie viele davon betroffen sind, ist nicht bekannt. Auch Du könntest Teil davon sein. Keiner weißt, wie sein Nervensystem auf die Reduktion reagiert, bis er es versucht.

Keiner kann wissen, ob er zu dieser Gruppe gehört, bis es zu spät ist. Es ist einfacher, langsam zu reduzieren als das Nervensystem wieder zusammenzuflicken, wenn es erst einmal (massiv) massiv irritiert ist.

Aus den Berichten über Absetzprobleme weltweit hat sich ein Konsens bei denen entwickelt, die sich mit diesem Thema beschäftigen: die oft empfohlenen 25% sind zu groß. Daher liegt die Empfehlung bei einer ausschleichenden 10%-Reduzierung.

Hinweis: Entzugssymptome zeigen sich oft zeitverzögert nach (mehreren) Wochen oder auch Monaten. Wenn man zwei größere Schritte gemacht hat (z.B. zweimal 25%), dann hat man von der Dosis, auf der noch alles in Ordnung war, um 50% reduziert - und die Symptome können auf ein sehr gereiztes Zentrales Nervensystem hinweisen. Es besteht immer die Gefahr, davon dann länger betroffen zu sein, weil das zentrale Nervensystem erneut ein Gleichgewicht (Homöostase) in den Neurotransmitter finden muss.

Sind Entzugssymptome nicht immer gering und vorübergehend? Diese Symptome repräsentieren neurologische Disfunktionen.

Erfahrungsberichte zeigen, dass diese Symptome individuell nicht/kaum auftreten, leicht, mittelschwer oder schwerwiegend sein können und kurz-, mittel- oder langfristig anhalten. Alle Kombinationen sind möglich. Es kann individuell zu schwersten Symptomen kommen, die sämtliche Körperfunktionen betreffen können. Ausserdem können schwerste psychische Symptome auftreten. Diese Betroffenen sind dann oft nicht mehr arbeitsfähig und teilweise kaum noch in der Lage, ihren Alltag zu bewältigen. Bei verzögerten Langzeitentzugssymptomen gibt es keine bekannte Behandlung oder ein Allheilmittel. Man muss damit zurechtkommen, bis es sich von selbst wieder reguliert.

Es ist eine "Humpty-Dumpty" Situation. Wenn das Nervensystem erstmal "runtergefallen" ist, dann kann man nicht viel tun, um es wieder zu flicken. Es ist besser, langsam zu starten um das Nervensystem zu schützen und ggf. die Absetzschritte zu beschleunigen falls man bemerkt, dass ein schnelleres Absetzen vertragen wird.

Die 10%-Regel verringert das Risiko. Wer sensibel auf Dosisschwankungen reagiert, kann ziemlich viel leiden, und für diese Menschen können Entzugssymptome weiterhin schwer sein, auch wenn die ursprüngliche Dosierung wieder genommen wird.

Um dem Nervensystem Stress zu ersparen, wird von SA eine erste Reduzierung von 10% empfohlen, welche dann für einen Monat gehalten wird, um zu sehen, ob sich Entzugssymptome entwickeln, die individuell sehr belastend sind und sich nicht in einem überschaubaren Zeitraum wieder von selbst wieder regulieren. Wenn ja kann die ursprüngliche Dosis wieder eingenommen werden und kleinere Schritte im monatlichen Intervall gemacht werden. Wenn man sensibel ist, dann schützt dieses Vorgehen vor Schmerz und Beschwerden.

Manche Menschen können auch nur weniger als 10% (z.T. nur sehr sehr kleine Reduktionen) absetzen - hier im ADFD gibt es einen ganzen :schnecke: :schnecke: :schnecke:-Club. Jeder ist unterschiedlich und muss es so machen, wie es für ihn selbst am wenigsten belastend ist.

ADFD-Mitglieder sind sehr kreativ und erfolgreich, wie man kleine Reduktionsschritte hinbekommt. Manche Medikamente gibt es als flüssige Vaiante, eine Umstellungs sollte überlappend und in kleineren Schritten erfolgen, um mögliche Umstellungsschwierigkeiten zu vermeiden und ggf. Unverträglichkeiten rechtzeitig zu bemerken. Je nach Medikament bietet sich auch die Kügelchenmethode, die Wasserlösmethode und ggf. findet man auch einen Arzt und eine Apotheke für Individualkapseln (da muss man allerdings hartnäckig sein).

Andere Personen/Insitutionen, die eine langsame Reduktion über einen längeren Zeitraum empfehlen finden sich hier:
viewtopic.php?f=19&t=10199&p=111679#p111679

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Kaltenzug

Beitragvon Murmeline » Mittwoch, 24.06.15, 11:09

Warum soll ich langsam absetzen? Warum kann ich nicht einfach das Medikament weglassen?

Entzugssymptome können (auch zeitverzögert) nach Beendigung der Einnahme auftreten und Wochen, Monate oder vereinzelt leider auch Jahre anhalten. Manche Menschen können die Psychopharmakaeinnahme ohne größere Probleme beenden, schwere und verzögerte Entzugssyndrome können aber auch entstehen, und man weiß nie, wen es trifft. Man weiß es vorher einfach nicht. Langsames Absetzen über einen längeren Zeitraum ist der (bisher) einzig bekannte Weg das Risiko schwerer Entzugssyndrome zu verringern. Niemand sollte die Unversehrheit des Nervensystems riskieren - nach Möglichkeit (außer bei schwerwiegenden Nebenwirkungen) sollte man die Behandlung mit Psychopharmaka nicht abrupt abbrechen, in dem man von heute auf morgen die gewohnte Dosis nicht mehr einnimmt.

Das Nervensystem (und darüber in kaskadischen Wechselwirkungen alle Körpersysteme) wurde körperlich abhängig von der Medikation, durch Anpassungsprozesse des Organismus an die Substanzauswirkungen.
Psychopharmaka beeinflussen dadurch den ganzen Körper, alle Systeme: Nervensystem, Hormonsystem, Kreislauf, Muskelsystem, Verdauungssystem, Atmungssystem, Immunsystem, Harnsystem, Fortpflanzung, das Skelett und die inneren Organe: Herz, Leber, Gallenblase, Nieren, Gehirn, Lymphe, Milz, Magen, Darm. Es kommt ggf. zu Bluthochdruck, zu einer übermäßigen Konzentration von Cortisol im Blut unter anderem mit erhöhtem Blutzuckerspiegel.

Langsames Absetzen ermöglicht es Deinem Nervensystem zu seinem ursprünglichen homöostatischen Gleichgewicht wiederzufinden. Eine 10%-Reduktion alle 3-4 Wochen (Surviving Antidepressants) bzw. alle 4-6 Wochen (ADFD) - bzw. individuell angepasste Dosisschritte und Absetzzeiträume je nach Absetzsymptomatiken - sind ein Ansatz zur Schadensbegrenzung.

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Einnahmen auslassen

Beitragvon Murmeline » Mittwoch, 24.06.15, 11:19

Warum nicht die Dosis reduzieren, indem Einnahmetage übersprungen werden?

Viele Menschen fragen sich, warum sie beim Absetzen der Medikamente nicht einfach Tage auslassen können, die Tage zwischen den Einnahmen dann verlängern und das Medikament dann irgendwann ganz weglassen können.

Wenn die Medikamente dafür nicht geeignet sind (und das sind nur sehr wenige), dann sollte man diese Methode nicht anwenden. Die Halbwertszeit fast aller Psychopharmaka ist zu kurz, als dass diese Methode Sinn macht. Es führt dazu, dass der Spiegel des Medikamentes im Blut hoch und runter geht und das Zentrales Nervensystem irritiert, so dass Entzugssymptome schlimmer werden können.

Das Gehirn mag Stabilität und eine sanfte Behandlung. Das Ziel sollte sein, es stufenweise an immer geringere Dosierungen des Medikamentes anzupassen. Es macht keinen Sinn, dass ZNS immer wieder von einer Klippe runterzuschmeissen. Es ist sinnvoller, es langsam eine Rampe runtergleiten zu lassen, indem die Dosis schrittweise reduziert wird, so dass das Gehirn es möglichst wenig merkt. Eine 10% Reduktion kann passend sein. Bleibe mehrere Wochen auf dieser Dosis, dann reduziere wieder - zum Beispiel erneut um 10% der Ausgangsdosis oder um 10% des letzten Dosis. Du solltest vorsichtig individuell herausfinden, was für Dich der richtige Weg ist. Es ist jedenfalls sinnvoll, im Verlauf des Absetzen zu kleineren Schritten zu wechseln (siehe auch Serotonintransporter-/Rezeptorenbelegung)

Manche Menschen können kalt entziehen und bemerken keine größeren Probleme. Manche Menschen können Medikamente tageweise auslassen und haben keine Probleme. Wenn Du allerdings Entzugssymptome hast, dann gehörst Du nicht dazu.

Es ist unklar, warum Ärzte, Apotheker oder andere Behandler diese Methode vorschlagen. Es ist kein guter Ratschlag. Mach das lieber nicht.

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Absetz-/Entzugssymptome

Beitragvon Murmeline » Mittwoch, 24.06.15, 11:28

Was sind typische Absetz-/Entzugssymptome?

Wer neuroaktive Medikamente absetzt, dessen Nervensystem muss in eine normale Funktionsfähigkeit ohne weitere Beeinflussung durch von außen zugeführte Substanzen zurückfinden. Während es sich anpasst, kann man Absetzprobleme/Entzugssymptome erleben. Das vegetative Nervensystem (als Teil des zentralen Nervensystems) kontrolliert die "automatischen" Funktionen des Körpers und es ist von den Veränderungen beim Absetzen betroffen. Das ist auch der Grund warum Absetzsymptome so variabel sind.

EDIT: Über das vegetative Nervensystem werden biologische, automatisch ablaufende innerliche Vorgänge angepasst und reguliert, die vom Menschen willentlich nicht direkt, sondern allenfalls indirekt beeinflusst werden können. Über das vegetative Nervensystem werden zur Aufrechterhaltung des inneren Gleichgewichts (Homöostase) die lebenswichtigen Funktionen (Vitalfunktionen) wie Herzschlag, Atmung, Verdauung und Stoffwechsel kontrolliert und gesteuert. Auch andere Organe oder Organsysteme werden vom vegetativen Nervensystem beeinflusst, so beispielsweise die Sexualorgane, Endokrine Drüsen (Hormone), Exokrine Drüsen (wie z.B. Schweißdrüsen), das Blutgefäßsystem (Blutdruck) oder die inneren Augenmuskeln (Pupillenreaktion). https://de.wikipedia.org/wiki/Vegetatives_Nervensystem

Hinweis ADFD: Das, was in den Beipackzetteln der Medikamente "Nebenwirkungen" genannt wird und in den Fachinformationen für Ärzte (kann man einfach über Suchmaschinen finden) "Erkrankungen" heißt, das sind alles Punkte, die zeigen, wie sich Medikament in allen Körpersystemen auswirken - und natürlich umfassen diese Aufstellungen nicht alle potentiell möglichen Nebenwirkungen und individuell können auch noch ganz andere unerwünschte Arzneimittelwirkungen auch beim Absetzen auftreten als die dort aufgeführten. In den Hinweisen zu dem Medikamenten sind übrigens auch oft "psychiatrische Erkrankungen" als Nebenwirkungen aufgeführt. Psychische Auswirkungen können sich auch beim Absetzen zeigen.

Übersichten zu möglichen körperlichen, kognitiven oder psychischen Entzugsymptomen gibt es unter folgenden Links:
--> unsere neue, super ausführliche Absetzsymptom-Liste: viewtopic.php?f=18&t=12534

Und eine weitere Liste (Fachartikel von Dr. Giovanni Fava et.al.) viewtopic.php?p=104330#p104330

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Zuletzt geändert von Jamie am Mittwoch, 25.01.17, 23:00, insgesamt 1-mal geändert.

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Unterschied Entzugssymptom / Entzugssyndrom

Beitragvon Murmeline » Mittwoch, 24.06.15, 11:31

Was ist der Unterschied zwischen Absetz-/Entzugssymptomen und einem Entzugssyndrom?

Während des langsamen Absetzprozesses, oder bei einem Kaltentzug, kann man individuell keine, schwache oder starke akute Entzugssymptome bemerken. Diese zeigen an, dass man besser schrittweise absetzen sollte. Wer zu schnell absetzt riskiert, dass sich diese Symptome weit länger als die wenigen Wochen oder Monate festsetzen (chronifizieren), die von Herstellerinformationen beschrieben oder von Ärzten erwartet werden.

Wenn Entzugssymptome für eine lange Zeit nach Beendigung der Medikamenteneinnahme andauen - manchmal sind sie auch erst wochenlang oder monatelang nicht aufgetreten sondern kommen erst zeitverzögert - dann nennt man diese verzögerte Entzugssymptome oder in ihrer Gesamtheit ein Entzugssyndrom.

Man nennt es Syndrom, da sich das Symptommuster bei vielen Menschen ähnlich zeigt, es aber keine Krankheit ist.

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(Langzeit-)-Entzugssyndrom

Beitragvon Murmeline » Mittwoch, 24.06.15, 11:34

Was ist ein (Langzeit-)-Antidepressiva-Entzugssyndrom?

Auch wenn es in medizinischen Fachkreisen wenig thematisiert sondern eher ignoriert wird oder nicht bekannt ist, gibt es 200-300 v.a. englischsprachige wissenschaftliche Texte und viele Erfahrungsberichte von Betroffenen, die Entzugssyndrome beschreiben.

- Meistens ist es eine Instabilität in den Nervensystemen, mit einer potentiellen Enthemmung des Locus Coeruleus, was zu vorher nie erlebten Symptomen psychischer Empfindungen führt wie Angst, Beklemmung, Unruhe und Panik und potentiell auch zu einer sehr schlimmen Schlaflosigkeit führt.
- Es entwickelt sich im Kontext einer serotogenen Desensibilisierung durch Antidepressiva.
- Es ist nicht degenerativ - siehe Wikipedia: Im heutigen medizinischen Sprachgebrauch versteht man unter Degeneration die Rückbildung und den Verfall vorwiegend ganzer Gewebe oder Organe.
- Es ist nicht progressiv.
- Es zeigt sich durch eine Symptomkonstellation die relativ häufig ist.
- Das Heilungsmuster vollzieht sich stufenweise (man spricht von Wellen mit symptomen und symptomfreien Fenstern) und gelegentlich stockend.

Entzugssymptome lösen oft Hypersensivität für weitere Psychpharmaka aus, die dann nicht hilfreich sind und oft Symptome verschlimmern können. Zu schnelles Absetzen oder Kaltenzug kann potentiell zu verzögerten Entzugssyndromen führen, bei der die Heilung dann Monate und schlimmstenfalls leider Jahre andauern kann.

Hinweis: Altostrata nennt ihr chronisches Langzeitentzugssyndrom mit diversen Symptomen (u.a. langjährige Schlaflosigkeit) autonomic damage (= Schaden am autonomen System). Sie erklärt es so: Es ist eine vegetative Schädigung: eine Enthemmung des Locus coeruleus und des glutamatergen Systems, welche sich im Rahmen der Herunterregulierung der Serotoninrezeptoren (einer anerkannten Folge von Antidepressivaeinnahme) entwickeln kann. Weitere Erläuterungen hier

Hinweis: Monica Cassani hat mit einer massiven (ärztlich anerkannten) Medikamentensensibilität zu kämpfen

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Halbwertszeit

Beitragvon Murmeline » Mittwoch, 24.06.15, 11:45

Was bedeutet Halbwertszeit und warum ist sie wichtig?

Halbwertszeit bezeichnet die Zeit, die der Medikamentenspiegel im Blut benötigt, bis er zur Hälfte reduziert ist (durch wissenschaftliche Tests gemessen)

Cymbalta (Duloxetin) z.B. hat eine außergewöhnlich kurze Halbwertszeit von 12 Stunden. Innerhalb der nächsten zwölf Stunden matabolisiert der Körper den Wirkstoff (baut ihn ab), aber manche Menschen haben nach 24 Stunden noch Wirkstoff im Blut, da es individuelle Variationen gibt und weitere unklare Schwankungen beim Abbau der Stoffe. Forscher vermuten, dass das "Ausspülen" des Wirkstoffes fünf Halbwertzeiten benötigt, um sicherzugehen werden Ärzten angewiesen, 2 bis 6 Wochen mit der Gabe anderer Medikamente zu warten, um Wechselwirkungen zwischen Medikamenten zu vermeiden. Eine längere Pause ist bei Psychopharmaka mit sehr langen Halbwertszeiten wichtig, wie Fluoxetin oder MAO-Hemmer, die bekannt sind für Interaktionen.

Man vermutet, dass Psychopharmaka mit kurzer Halbwertszeit (Paroxetin, Venlafaxin) die schlimmsten Entzugsymptome und andauernde Entzugssyndrome machen, da die Dosisreduktion so plötzlich passiert, dass das Nervensystem keine Zeit hat, sich anzupassen.

In Studien zeigen Paroxetin (Paroxat, Seroxat), Venlafaxon (Trevilor), Sertralin (Zoloft) und Fluvoxamin (Fevarin) die stärksten Absetzsymptome, daher die Schlußfolgerung, dass die Halbswertszeit für Entzugssyndrome mitverantwortlich ist. Allerdings sind die Statistiken über Entzug von Psychopharmaka so selten, dass die Halbwertszeit ein beinflussender Faktor sein könnte oder nicht - man kann es aufgrund fehlender wissenschaftlicher Forschung in diesem Bereich bisher nicht sagen.

Eines ist allerdings klar, wenn man Medikamente mit kurzer Halbwertszeit nicht regelmäßig nimmt, dann kann man schon bei einer vergessenen Tagesdosis Absetzsymptome spüren - das berichten sehr viele Betroffene.


Hinweis ADFD: Bei Venlafaxin-Sandoz ist dies sogar in den Fachinformationen für Ärzte vermerkt. Informationen zu Unterschieden zwischen Gebrauchsanweisung und Fachinformation finden sich hier

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Zügiger Absetzen

Beitragvon Murmeline » Mittwoch, 24.06.15, 11:52

Kann man auch schneller absetzen als 10% mit mehrwöchigen Pausen?

Hinweis: Dies ist eine Empfehlung des amerikanischen Forums Surviving Antidepressants. Hierfür gibt es im ADFD keine Erfahrungswerte! Es steht auch zur Diskussion, ob diese Methode sinnvoll ist, wenn man bereits gescheiterte Absetzversuche hinter sich hat.

Es ist besser langsam zu starten und herauszufinden wie man Reduktionen verträgt.
Wenn das Nervensystem erstmal irritiert ist durch Funktionsstörungen im Neurotransmittersystem/Entzugssymptome, kann es länger dauern, bis man sich wieder gut fühlt. Die 10% Regel (der immer letzten Dosis) schützt jeden und jeder hat die Möglichkeit, schneller zu reduzieren, wenn er es verträgt.

Sinvoll ist dieser Ansatz:

Reduziere zunächst um 10% und halte das für einen Monat. Entzugssymptome können Wochen verspätet auftauchen. Mach es also auch einen zweiten Monat so.

Wenn Du (kaum oder) keine Symptome bei den zwei Reduktionen hast, kannst Du alle 3 Wochen 10% der letzten Dosis reduzieren. Mach das zweimal. Geht alles gut, dann reduziere um 10% der letzten Dosis alle 2 Wochen, ebenfalls zweimal.

Wenn Du keine Probleme hast nach 4,5 Monaten mit dieser allmählichen Reduktion, dann kannst Du vermutlich 10% der jeweils letzten Dosis wöchentlich reduzieren.

Wenn belastende oder schwere Entzugsymptome auftreten, dann mach kleinere Schritte oder sei langsamer. Höre auf Deinen Körper.

Finde den Absprung zum Ende des Absetzens, wenn die Reduktionen keine Symptome mehr hervorrufen.

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Absetzen im unteren Dosisbereich

Beitragvon Murmeline » Mittwoch, 24.06.15, 12:12

Warum machen gerade die letzten Absetzschritte solche Probleme?

Dafür gibt es vermutlich verschiedene Gründe, wahrscheinlich sind auch noch nicht alle bekannt. Bei sehr niedriger Dosierung ...

  • sind die Rezeptoren bei vielen Psychopharmaka noch überproportional mit Wirkstoff belegt (Serotonintransporter-/Rezeptorenbelegung) und dadurch registriert das Nervensystem wohl auch sehr kleine Veränderungen
  • ist aufgrund der Halbwertzeit der Wirkstoff auf den beteilgten Rezeptoren vermutlich nicht mehr gleichmäßig verteilt
  • hemmen manche Psychopharmaka (z.B. Paroxetin) bei höherer Dosierung ihre eigene Verstoffwechselung. Bei niedrigerer Dosis werden sie schneller verstoffwechselt, was zu einer größeren proportionalen Abnahme führt
  • verändern weitere eingenommene Medikamente das "Medikamentenökosystem", dies kann Symptome hervorrufen, wenn eines der Medikamente in immer geringere Dosierung vorhanden ist.

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Micro-tapering

Beitragvon Murmeline » Mittwoch, 24.06.15, 12:15

Was heißt Micro-tapering?

Es gibt im Forum Surviving Antidepressants viel Diskussion um eine Mehode die sich Mikro-tapering nennt, bei dem man also sehr kleine Absetzschritte (mache sogar weniger als 0,1 mg) macht, dafür in kürzeren Zeitabständen.

Das geht oft nicht schneller als eine 10% oder 5% Reduktion, aber für Menschen, deren Nervensystem extrem sensibel ist, ist es möglicherweise zuträglicher als relativ große Absetzschritte.

Nur wenn individuell seine Muster der Entzugssyndrome und seine persönliche Toleranzschwelle des zentralen Nervensystems versteht, sollte dies versuchen. Wie bei allen Absetzverläufen sollte bei Entzugssymptomen noch langsamer reduiziert werden oder die aktuelle Dosis gehalten werden, um das zentrale Nervensystem zu stabilisieren.

Flüssige Lösungen können beim Micro-tapering hilfreich sein, denn sie erlauben sehr abgestuftes, kontrolliertes Absetzen. Manche Psychopharmaka gibt es in flüssiger Form, ggf. ist auch eine Apotheke bereit, dies herzustellen. Andere Psychopharmaka können zuhause selbst in flüssige Form gebracht werden (Wasserlösmethode).

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Erneutes Eindosieren

Beitragvon Murmeline » Mittwoch, 24.06.15, 12:26

Wann und wie macht erneutes Eindosieren Sinn?

Man sollte niemals das Medikament kalt absetzen in dem Glauben, man könnte problemlos wieder eindosieren. Deshalb wird das langsame, stufenweise Absetzen empfohlen, um Entzugssymptome zu minimieren. Wenn das Nervensystem erst einmal durch den Entzug destabilisiert ist, kann einem beim Eindosieren alles passieren.

Viele Ärzte glauben bis heute, dass die akute Phase einen Entzuges (nach Kaltabsetzen oder wenigen großen Absetzschritten in kurzer Zeit) nur wenige Wochen anhält. Online-Erfahrungsberichte aus der ganzen Welt zeigen, dass diese auch monatelang anhalten können.

Die Gebrauchsinformationen/Fachinformationen der meisten neuen Psychopharmaka weisen inzwischen auf eine erneute Aufnahme der Medikation bei Enzugssyndromen an. Das ist alles, was die medizinische Fachwelt über die Behandlung von Entzugssyndromen weiß.

Was bekannt ist über das erneute Eindosieren (auf Grundlage der Literaturrecherche von Altostrata und aufgrund von Auswertung von Online-Erfahrungsberichten) ist folgendes:

Basierend auf medizinischem Wissen ist das erneute Eindosieren der einzige Weg, Enzugssyndrome abzumildern. Idealerweise dosiert man sofort nach dem Auftreten von (stärkeren) Entzugssymptomen wieder ein. Je mehr Zeit vergeht, desto schlechter wird es funktionieren.

Die Länge dieses Zeitfensters variiert individuell.
Einige Menschen können auch Monate nach dem Absetzen wieder eindosieren. Andere nicht. Manchen reicht schon eine Teildosis um Entzugssyndrome zu lindern. Wenn man z.B. 20mg genommen und schnell abgesetzt hat, dann reichen dem einen nach wenigen Tagen vielleicht schon 5mg oder 10mg. Ein anderer benötigt eine höhere Dosis um Stabilität zurückzugewinnen.

Es macht Sinn, mit einer eher geringeren Dosis wieder einzusteigen und diese wenn notwendig zu erhöhen. Wenn man das Medikament länger als einen Monat nicht mehr genommen hat, ist für einige Menschen schon eine geringe Dosis von 1-5mg ausreichend, um Entzugssymptome abzumildern.

:!: Hinweis: Im ADFD empfehlen wir "Krümel" anzutesten um - gerade nach längerer Zeit ohne das Medikament - zu sehen, ob es noch vertragen wird und keine paradoxe Reaktion hervorruft. Die Dosis kann dann langsam auf eine kleine Teildosis gesteigert werden.

Weitere Gründe, die dafür sprechen, nur eine Teildosis wieder einzudosieren:
  • Es reduziert das Risiko schwerer paradoxer Reaktionen wenn das erneute Eindosieren nicht funktioniert
  • Entzug bedeutet, dass das Neutrotransmittergleichgewicht des zentralen Nervensystems gestört ist und das größere Dosierungen gegenteilige Reaktionen auslösen können
  • Psychopharmaka sind erheblich stärker als sie sein müssten und es ist immer gut, auf der kleinsten effektiven Dosierung zu sein.
  • Die Rezeptoren haben sich vermutlich während des Entzuges bereits schon wieder etwas angepasst/reguliert.
  • Wenn man sich auf einer kleinen Dosis stabilisiert, muss man weniger ausschleichen.
  • Bei Nebenwirkungen oder paradoxen Reaktionen bei der früheren Einnahme kann es sein, dass eine geringere Dosis diese nicht wieder triggert und trotzdem Entzugssymptome lindert. Diese Reaktionen scheinen dosisabhängig zu sein: Je höher die Dosis, desto stärker die Reaktion.
  • Weiteres schrittweises Aufdosieren ist immer möglich, wenn es individuell notwendig erscheint.

Wie lange sollte man dem erneuten Eindosieren Zeit geben?
  • Es dauert etwa 4 Tage bis der Körper eine erneute Gabe eines neuroaktiven Medikamentes registriert. Solange es keine sofortige negative Reaktion gibt, sollte man das Symptommuster eine Woche lang beobachten, um zu entscheiden, ob der Schritt des Eindosierens hilfreich ist. Bei sofortigen negativen Reaktionen muss wieder reduziert bzw. abgesetzt werden.
  • Nach dem erneuten Eindosieren variiert der Zeitraum bis Stabilität erreicht ist und Symptome sich bessern individuell. Verbesserung kann sofort oder nach einigen Tagen, Wochen oder Monaten bemerkt werden.
  • Wer bemerkt, dass die Symptome sich durch das Eindosieren verbessern, der sollte seinem Nervensystem Zeit geben, sich zu stabilisieren bevor eine erneute Dosisreduktion vorgenommen ist. Dabei sollte man eher an Wochen oder Monate denken und nicht an Tage.
  • Man muss geduldig sein, beim erneuten Eindosieren. Dies wird nicht sofort alle Entzugssymptome beseitigen. Es können weitere Symptomwellen erlebt werden, die mit der Zeit weniger werden.
  • Die Dosis für eine gelungene Stabilisierung variiert individuell.

Wann sollte man das erneute Eindosieren beenden?

Wenn man sich schnell schlechter fühlt, dann reagiert man sehr wahrscheinlich sensibilisiert und braucht entweder eine kleinere Dosis oder möglicherweise besser gar keine mehr. Manchmal klappt das erneute Eindosieren nicht. Das Nervensystem hat so starke Störungen in den Neurotransmittern, dass es destabilisiert ist - egal welchen Effekt das Psychopharmakon haben könnte.

Manchmal fuktioniert das erneute Eindosieren nicht sondern löst auch noch paradoxe Reaktionen aus. Bei direkten sehr schlechten Reaktionen muss man sofort reduzieren oder absetzen.

Welche Dosis ist bei einer erneuten Einnahme sinnvoll?
Manchmal funktioniert eine erneute Einnahme nicht und verstärkt die Symptome. Deshalb empfehlen sich immer sehr sehr kleine Dosierungen, um dieses Risiko zu minimieren. Hohe Dosen können starke Reaktionen hervorrufen. Sehr kleine Dosen (Krümel) geben die Möglichkeit des Antestens der Verträglichkeit mit geringem Risiko.

Welche Dosis sinnvoll ist, kann man nur erraten. Hier einige Faktoren die vielleicht die richtige Dosierung beeinflussen:

  • Art des Absetzens und Länge der Einahme: Wie man das Psychopharmakon abgesetzt hat und wie lange man es genommen hat. Standarddosen bzw. die letzte Dosis vor einem Kaltenzug sind jedoch meistens nicht nötig.
  • Länge des Abbruchs: Wer schon einen Monat lang Entzugserscheinungen hatte, bei dem ist das Nervensystem vermutlich sensibel für weitere Eingriffe in die Neurotransmitter. In diesem Fall kann schon eine sehr kleine Dosierung Verbesserungen bringen. Je länger man das Psychopharmakon nicht mehr nimmt, umso wahrscheinlicher klappt das erneute Eindosieren nicht.
  • Aktuelle Konstitution: Wer Symptome von Hyper-Reaktivität zeigt oder massive Unruhe, Angst, Panik oder Schlafprobleme, bei dem kann es sein, dass erneutes Eindosieren nicht gelingt. Wer es dennoch versuchen will, sollte es mit einer sehr kleinen Dosis versuchen.
  • Weitere Medikamente: Man sollte immer nur vorsichtig andere Medikamente dazuzunehmen. Wechselwirkungschecks sollen vor der Einnahme durchgeführt werden, um diese Symptome ggf. sofort einordnen zu können.

Viel und schnell ist selten sinnvoll.
Es gibt Berichte von Menschen mit verzögerten Entzugssyndromen, denen es schnell besser ging bei der erneute Einnahme der früheren Dosis zwei Jahre später. Eine Empfehlung hierfür kann nicht gegeben werden.

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Ab wann langsam Absetzen?

Beitragvon Murmeline » Mittwoch, 24.06.15, 12:28

Ab welchem Einnahmezeitraum ist langsames Absetzen sinnvoll?

Bezugnehmend auf wissenschaftliche Literatur zum Enzug riskiert man nach einer länger als 4-wöchigen Einnahme von Antidepressiva Absetzprobleme/Entzugssyndrome. Daher empfiehlt sich bereits nach wenigen Wochen Einnahme die 10%-Methode.

Wer nur einen Monat Antidepressiva genommen hat, kann vielleicht ein schnelleres Absetzen vertragen, z.B. 25 % pro Woche.

Wer kürzer als einen Monat Antidepressiva genommen hat, der kann gegebenenfalls schnellere Absetzschritte machen und innerhalb einer Woche absetzen.

Es empfiehlt sich, langsamer zu machen oder die Dosis zu verringern, wenn sich Absetzprobleme bemerkbar machen.

Solange man keine paradoxe Reaktion hat, sollte man keinen Kaltentzug versuchen.

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Körperliche Abhängigkeit

Beitragvon Murmeline » Mittwoch, 24.06.15, 12:39

Wie schnell wird man von Antidepressiva abhängig?

Medizinischer Fachliteratur zufolge riskiert man bereits Absetzsyndrome, wenn man Antidepressiva länger als einen Monat nimmt. Neuroaktive Medikamente können körperlich abhängig machen.

Manche lösen auch psychische Abhängigkeit aus (oder Suchtdruck). Das nennt man dann suchterzeugende Medikamamente, ein medizinischer Fachausdruck.

Benzodiazepine sind Medikamente, die physische und psychische Abhängigkeit auslösen.
Fachlich sind es daher suchterzeugende Medikamente (Ärzte glauben unvernünftiger Weise, dass manche Benzodiazepine weniger suchterzeugend sind als andere, aber alle machen abhängig).

Es gibt eine Industrie für den Entzug suchterzeugender Medikamente, inklusive Benzodiazepinen, und mehr Studien, wie man den Entzug gestalten sollte. Es gibt keine Industrie, die sich mit dem Entzug von Medikamenten auseinandersetzt, die wie Antidepressiva körperlich abhängig machen.

Neuroaktive Medikamente erzeugen körperliche Abhängigkeit, weil das Zentrale Nervensystem sich den Wirkstoffen anpasst und entsprechend modifiziert. Das wirkt sich auch auf die Aktivität anderer Körpersysteme aus, wie z.B. dem Hormonsystem, dem Schlafsystem und der Verdauung. Daher haben viele Psychopharmaka so viele gleiche/ähnliche Symptome gemeinsam.

Langsames Ausschleichen ist der Schlüssel für das Absetzen von Psychopharmaka mit geringen Störungen für das Nervensystem und allen Körpersystemen.

Antidepressiva machen nicht süchtig, aber physisch abhängig.

Hinweis:
Zur Thematik Entzugssymptome ein Artikel von Dr.Giovanni Fava et.al., Januar 2015, aus der Zeitschrift Psychotherapy and Psychosomatics:
http://www.karger.com/DOI/10.1159/000370338. Die Autoren beschreiben - nach der Auswertung von 15 Studien - man solle zukünftig von Entzugssymptomen und nicht länger von "Entwöhnungsproblematiken" sprechen.

Und Nielsen (mit Goetzsche) kamen schon 2012 zum selben Schluss. http://adfd.org/austausch/viewtopic.php?f=6&t=12440
Die Zusammenfassung lautet:
Withdrawal reactions to selective serotonin re-uptake inhibitors appear to be similar to those for benzodiazepines; referring to these reactions as part of a dependence syndrome in the case of benzodiazepines, but not selective serotonin re-uptake inhibitors, does not seem rational.


Übersetzung: "Absetzreaktionen" von SSRI scheinen ähnlich wie die für Benzodiazepine zu sein. Bei Benzodiazepinen aufgrund der körperlichen Abhängigkeit von Entzugserscheinungen zu sprechen und bei SSRI nicht, das erscheint nicht rational.

Hinweis: Links zur Thematik körperliche Abhängigkeit:
Antidepressiva machen körperlich abhängiger als man denkt: viewtopic.php?f=18&t=8037&p=68922#p68922
Antidepressiva und Abhängigkeit: http://adfd.org/austausch/viewtopic.php?f=6&t=9754
Vorurteil - Antidepressiva machen nicht abhängig: http://www.depression-heute.de/vorurteile.html?id=14
Zum Thema SSRI und Abhängigkeit - viewtopic.php?p=4739#p4739
WHO: Abhängigkeit von SSRI - viewtopic.php?f=6&t=966

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