Hallo Candy,
Ich meine, vom Kopf her weiss ich schon, dass ICH mir diese Schn**tte zufüge, aber wenn es passiert, ist es so, als ob wer anderes es tut und ich nur dabei zusehe. Während ICH telefoniert habe (und es war ein nettes Gespräch), hat ES mir den Arm zerschni**en.
Das was du erlebst ist offensichtlich ein dissoziativer Zustand (DID) kombiniert mit selbstverletzendem Verhalten (SVV). Ist dir klar, was das für einen Schluss nahe legt?
Es gibt eine Endorphinhypothese zu DID und SVV, die jedoch einige Fragen offen lässt. Sicher kann man sagen, dass der Reiz, der durch den Schnitt verursacht wird, nicht ein autodestruktiver Akt ist - wenn mancher dies auch nur so sehen kann -, sondern vielmehr ein nicht optimierter Bewältigungsversuch (coping), d.h. an sich etwas konstruktives. Junk food, Rauchen, übermäßiger Alkoholkonsum und durch Macht geschütztes rücksichtsloses Verhalten sich selbst, anderen und der Umwelt gegenüber zerstören viel mehr, sind nur gesellschaftlich anerkannt. Mit SVV kommt vor allem die Umwelt - hier ist auch ein Großteil des therapeutischen Personals eingeschlossen - nicht klar, was die Sache schwierig macht. SVV läuft oft automatisch ab, völlig hilflos bist du jedoch nicht: Du kannst z.B. versuchen gezielt Anker zu setzen und automatische Stopps oder Alternativstrategien zu installieren. Achte darauf, ob sich in der Dissoziation ein Bedürfnis auf der Gefühls- oder Körperebene zeigt, das dir den Weg zu einem besseren Bewältigungsverhalten weisen kann. Auch ist es sinnvoll sich Triggern und Vorzeichen bewusst zu machen, denn den Anfängen kannst du dich leichter erwehren als einem eingerasteten Zustand. Sobald du Anzeichen wahrnimmst, kannst du dich gezielt auf
externe Reize konzentrieren: Was hörst du? Was spürst du? Was siehst du? Was riechst du?
Gott sei dank kam der diensthabende Arzt nicht auf die Idee, mich wieder in die Psychiatrie einzuweisen, aber wer weiss, wann so ein Schni** mal richtig "daneben" geht, und dann?????????
Ich glaube nicht, dass
das dein Hauptproblem ist, denn das kann die Chirurgie leicht wieder flicken.
Gestern habe ich dann mittags schon eine Tavor genommen und abends nochmal eine, damit ich bloss dieses Monster ruhiggestellt bekomme. Hat auch geklappt - habe geschlafen wie ein Stein.
Nach 3 Wochen täglich Tavor bin ich wahrscheinlich eh schon Benzodiazepin-abhängig und im Moment scheint es mir beinahe überlebenswichtig
Die offizielle Empfehlung für Benzodiazepine ist, diese nach 4-6 Wochen abzusetzen. Absetzprobleme werden nach 4 Monaten erwartet. Du bist also noch nicht im kritischen Bereich. Auch ist es so, dass keineswegs jeder mit Anpassungs- und Entzugsproblemen zu kämpfen hat. Die Dosis spielt auch eine Rolle, kann jedoch gut mit Ausschleichen in den Griff bekommen werden. Grundsätzlich solltest du natürlich sehen, dass du davon wegkommst und Benzos nur als Krisentherapeutikum verwenden. Wenn du für länger bei Benzos bleibst, achte auf Dosiserhöhungen. Sobald du diese bemerkst (nicht nur ein, zwei mal) würde ich an deiner Stelle reagieren. Bis dahin hast du Zeit um Alternativen zu finden.
Es gibt mehrere Möglichkeiten dieses Problem anzugehen. Da dir das sehr wichtig zu sein scheint, solltest du das gezielt und nachdrücklich mit deinem Arzt besprechen. Von Neuroleptika halte ich persönlich nur in wenigen Ausnahmefällen etwas. Alternativ wäre niedrig dosiertes Mianserin (tetrazyklisches AD) als Begleitmedikation einen Versuch wert. Im Gegensatz zu den TZA ist es wesentlich weniger toxisch.
Da Paroxetin bei dir selbst bei 40 mg nichts bringt, würde ich mehr in Richtung Noradrenalin (NA) und Dopamin (DA) gehen, was auch den alten Standard für PTSD/DID/BID/SVV Fluoxetin besser entspricht:
- Als erstes würde ich Venlafaxin versuchen. Es ist neu mit (angeblich) schnellerem Wirkungseintritt. 5-HT wird 5 mal stärker als NA erhöht. Bei hohen Dosen wird auch Dopamin (DA) erhöht.
- Sertralin wäre wegen seiner DRI (DA Wiederaufnahmehemmung) u.U. auch einen Versuch wert. Die SRI (Serotonin W.) ist jedoch wie bei Paroxetin relativ stark ausgeprägt. Manch konservativ ideologischer Psychiatern könnte ein Problem in der dopaminergen Wirkung von Sertralin im Bezug auf DID sehen. Ich würde mich von Ideologien nicht abschrecken lassen.
- Fluoxetin ist der alte Standard. 5-HT wird 10 mal stärker als NA erhöht.
Ich würde den SSRI auf jeden Fall wechseln. Venlafaxin wäre meine erste Wahl. Sertralin würde ich, falls es nicht wie gewünscht wirkt, als zweites testen. Mianserin kannst du mit SSRI kombinierven.
In deinem Falle wäre auch ein niedrig dosierter nicht selektiver Betablocker wie Propranolol (z.B. 3 x 2,5-5 mg/die) als Begleitmedikation sinnvoll. Aktuelle Studien in den USA arbeiten vor allem bei akuter und reaktivierter PTSD über diesen Weg, da sich herausgestellt hat, dass das Wiedereinbrennen vor allem der somatischen Komponente im Limbischen System (Panik) verhindert oder zumindest abgeschwächt werden kann, d.h. du lernst die Panik / Flashbacks / Intrusionen nicht immer wieder neu. Propranolol gab man früher schon bei Lampenfieber, Prüfungsstress etc., um vor allem die somatische Symptomatik zu dämpfen. Das ist eine wirklich sinnvolle Maßnahme mit geringer Belastung für den Körper. Eine klare Kontraindikation liegt vor, wenn ein Trauma therapeutisch angegangen wird (EMDR etc.), denn hier wird ja gerade eine intensive Neuspeicherung eines konstruktiv veränderten Inhalts angestrebt.
Ich möchte betonen, dass ich dir dieses Medikamentenregime nur für die Zeit der Krise nenne, damit du keine Angst mehr vor Eskalationen haben musst. Wenn du
deine Medikation gefunden hast, wird das schon dadurch, dass du weißt, dass du jederzeit raus kannst, Wirkung zeigen. Ich kenne auch Menschen, die eine Situation wie die deine ganz ohne überstanden haben, andere nahmen nur minimal Medikamente oder nur kurz um ein gekipptest System wieder zurückzubringen bzw. einen Teufelskreis zu durchbrechen. Es hängt vor allem davon ab, wie gut du therapeutisch arbeiten kannst und ob das Setting passt. Wenn du erst mal raus hast, wie du es auf mentaler Ebene angehen kannst, wirst du Medikamente nur noch sehr selten einsetzen, eben um möglichst effizient psychotherapeutisch arbeiten zu können.
Meine Familie ist auch am Verzweifeln und bis zum Klinikaufenthalt in Tiefenbrunn kann es noch Wochen dauern.
Wenn deine Familie nur verzweifelt ist, ist das sehr schlecht, denn genau das ist die größte und wichtigste Ressource, die du hast. Wenn die erwachsenen Familienmitglieder nicht erkennen können, das jemand mit massiver Panik vor allen Dingen eine innere Ruhe, Sicherheit und Stärke vermittelnde Umgebung benötigt, so haben sie offensichtlich selbst ein Problem. Die äußere Kompensation deines inneren Zustands durch ein evidentes Gegenbild ist die vordringlichste Intervention bei akuter Panik.
Habe heute Mittag einen Termin bei meiner Psychiaterin - mal sehen, was die sagt - hoffentlich keine Einweisung
Wenn du keine psychiatrische stationäre Unterstützung willst, dann sage das ganz klar. Es liegt an dir, wie du dich darstellst. Ein paar Schnitte sind kein wirkliches Problem, das verheilt im Gegensatz zu anderen Wunden leicht und schnell, denn da ist das Selbstheilungssystem nicht blockiert bzw. nicht überlastet. Eine Einweisung ohne deinen Willen diente nur der Kompensation der Angst des Arztes, entmündigt dich und ist daher schlecht für die Selbstheilungskraft. Wenn du progressiv vorgehst und statt dich auf Diskussionen über vergangene Schnitte auf zukünftige Medikamente und psychotherapeutische Schritte (z.B. auch Krisenintervention & Selbsthilfe) konzentrierst, sollte das kein Problem sein.
Habe im Moment keine Ahnung, wie es weitergeht oder wo es hingeht. Alles um mich scheint dunkel und hoffnungslos. Wie kann es sein, dass 40 mg Paroxetin mich nicht ansatzweise aus diesem "Loch" herausholen können? So eine schei** Traurigkeit trotz AD!
Neben der Veränderung deiner Medikation würde man psychotherapeutisch diese Traurigkeit als Wegweiser nützen. Du sprichst von Traurigkeit und entwertest diese gleichzeitig. Vielleicht gibt es in deiner Vergangenheit etwas sehr trauriges, was nie wirklich gefühlt wurde und jetzt nicht mehr verdrängt werden kann. Ich will damit sagen, dass es eine Reihe Ansatzpunkte gibt. Als erstes kannst du lernen mit Medikamenten Eskalationen zu verhindern und gewinnst damit wieder Sicherheit. Als nächstes kannst du lernen diese ohne Medikamente zu tun und erhältst damit deine Autonomie zurück. Wenn du die kritische Symptomatik auf diese Weise im Griff hast, kannst du dich gezielt an die Problematik heranarbeiten. Mittlerweile haben sich eine Reihe Verfahren zumindest bei Spezialisten etabliert, um Probleme wie das deine aufzulösen.
Kann nicht mehr arbeiten gehen, ohne meine Mutter und meinen Exmann könnte ich die Kinder nicht versorgen - nichts geht mehr. Wo soll ich da noch Selbstwert hernehmen?
Auf dieser Ebene ist es momentan sicher schwer, aber denk mal, was du leisten musst um diese Situation aushalten und bewältigen zu können! Wen kennst du, der das ertragen kann? Wie würden sich die Erwachsenen in deiner Umgebung in so einer Krise fühlen? Frage sie mal!
Außerdem ist dies die genuine Aufgabe der sozialen Gruppe, ein Mitglied, dessen Selbstheilungssystem überlastet oder blockiert ist, aufzufangen und zu unterstützen. Das mag in unserer grandios kompensierten narzisstischen Gesellschaft immer mehr in Vergessenheit geraten, aber viele werden spätestens, wenn sie ins Seniorenalter kommen, gnadenlos mit dieser Tatsache konfrontiert.
Du kannst deinen Selbstwert auch dadurch stabilisieren, dass du dir bewusst machst, wenn Menschen dir helfen, denn sie vermitteln dir damit, dass du ihnen wertvoll bist. Wenn du da durch bist, dann hast du etwas erlebt und bewältigt, das dich sehr stark machen wird. Vielleicht brauchen dich deine Kinder irgendwann sehr dringend, dann kannst du ihnen mit dieser gewonnenen Stärke helfen.
Du hast jetzt auch eine klare Aufgabe: Arbeite dich in dein Problem und mögliche Lösungswege ein. Das ist für dich eine Menge Arbeit aber es ist wichtig, dass du nicht passiv bleibst. Das ist bereits praktische kognitive Therapie und Ausbildung in deinem Problemfeld. Als Ergebnis wirst du mit der Zeit Spezialist für dein Problem sein und das ist gut für deinen Selbstwert und dein Selbstbewusstsein.
Unterscheide zwischen Selbstwert und Selbstbewusstsein. Der Wert, den du in dir siehst, wird nicht so schnell in die Knie gehen, wenn du dich und dein Leben ansiehst. Es bedarf sehr viel negativen Feedbacks, um den Selbstwert zu zertrümmern. Das Bewusstsein deiner Selbst ist anfälliger; man konzentriert sich auf andere und vergleicht sich mit ihnen oder priorisiert deren Bedürfnisse unter Missachtung der eigenen. Wenn das bei dir passiert, gehe bewusst zu dir zurück.
Und wirf die verdammten Rasierklingen weg!
Viel Erfolg!
Gruß
Time